Michis fünfter Knopf ging endlich auf

Die dritte Judo-Dame, die für Österreich in Tokio um eine Medaille kämpfen wird (am 28. Jul), ist Michaela Polleres. Die 23-jährige Niederösterreicherin vom JC Wimpassing wird die einzige ÖJV-Athletin sein, die im Nippon Budokan gesetzt sein wird (als Nummer 5 in der Klasse bis 70 Kilo). Und die als WM-Fünfte von 2019 und frischgebackene WM-Dritte von Budapest 2021 die vielleicht heißestes Medaillenhoffnung in Rot-Weiß-Rot ist. Wir haben mit „Michi“ gesprochen – auch über die vielen Knöpfe, von denen jetzt einer aufging …

Elf Jahre hatte Österreich warten müssen, um wieder eine WM-Medaille zu holen. 2010 in Tokio war Sabrina Filzmoser die letzte – bis zum 10. Juni 2021, als die 23-jährige Michaela Polleres erstmals in ihrem Leben auf ein WM-Podest stieg. Dabei waren die Vorzeichen keine guten. Viermal in Folge, von der EM 2020 bis zur EM 2021, hatte sie für ihren ersten Kampf die Slowenin Anka Pogacnik zugelost bekommen, und viermal musste sich die zweifache EM-Dritte ihrer Gegnerin geschlagen geben. Was ist nur mit unserer Michi los? Sie kann doch Judo nicht verlernt haben, ist in ihrer Gewichtsklasse eine der besten Judoka der Welt. Und viermal in Runde 1 raus? Das kann doch nicht sein! Freilich offenbarte sich dadurch ein mächtiges mentales Problem. Bitte, nicht wieder Pogacnik, wird Polleres wohl vor jedem Turnier gesagt haben. Viermal waren die Knöpfe fest zugeknöpft – aber der fünfte ging bei der WM endlich auf! Pogacnik weit weg, eine machbare Auslosung …

„Ich war schon sehr erleichtert, als ich meine WM-Auslosung erfahren habe.“ Und diese Leichtigkeit sah man dann auch auf der Matte. Michaela hätte an diesem Tag sogar Weltmeisterin werden können, denn im Semifinale gegen Barbara Matic musste sie sich der späteren ersten kroatischen Weltmeisterin erst im Golden Score, nach insgesamt über sieben Minuten, geschlagen geben. „Zuerst war ich traurig, dass ich nicht das Finale erreicht habe, aber dann bin ich voll konzentriert in den Bronze-Kampf gegangen und habe gewonnen“, strahlt Michi noch heute. „Und, Medaille ist Medaille!“ Jetzt gilt es, sich bestmöglich auf Olympia vorzubereiten, den Rummel um ihre Person zu minimieren. „Weil ich in Tokio auch eine Medaille will!“

Viel zu verdanken hat die Wimpassingerin auch ihrem Heimtrainer Adi Zeltner. „Der Würgegriff, mit dem ich gewonnen hab, ist seine Spezialität. Er hat mich im Bodenkampf und auch im Stand-Boden-Übergang echt weiter gebracht. Und er motiviert mich enorm“, lobt Michi ihren Coach. Und so kann Olympia kommen – nur, bitte, nicht wieder in der ersten Runde die Slowenin. „Ich bin sicher, das ich sie jetzt schlagen, sollten wir in einem Kampf aufeinandertreffen.“ Was normalerweise gar kein Thema sein sollte …

Michaela Polleres (JC Wimpassing/NÖ/bis 70 Kilo), 23 (15.07.1997), Sportsoldatin, Weltranglisten-Platzierung: 8 (5.478), 1. Olympia-Teilnahme – in Tokio als Nummer 5 gesetzt, aktuelle Ergebnisse: WM-Dritte Budapest/HUN 2021, 3. Grand-Slam Budapest/HUN 2020, WM-Fünfte Tokio/JPN 2019, 3. Mixed-Team-Bewerb European Games Minsk/BLR 2019, EM-Dritte Tel Aviv/ISR 2018, Bronze bei den Olympischen Jugendspielen Nanjing/CHN 2014.

Foto oben: Unsere WM-Dritte Michaela POLLERES mit ÖJV-Präsident Martin POIGER als einem der ersten Gratulanten. - @Judo Austria / Oliver Sellner

Ähnliche Beiträge

  • Der lange Weg zurück

    Wenn ab Donnerstag insgesamt 17 ÖJV-Judoka in Zagreb um EM-Medaillen im Einzel und Mixed-Team kämpfen, dann fehlt einer, der auch die WM und Olympia 2024 längst schon abgeschrieben hat – der Wiener Schwergewichtler Stephan Hegyi. Der 25-Jährige vom SC Hakoah ist nach wie vor auf Reha, lebt seit Monaten bei seiner kanadischen Frau Allayah nahe…

  • Papa ist immer dabei

    Sie ist seit sieben Jahren absolute Weltspitze, zweifache Mixed-Olympiasiegerin, Welt- und fünffache Europameisterin, und wohl einer der Stars bei der am Freitag in Budapest beginnenden Weltmeisterschaft – Romane Dicko, 25-jährige Französin im Schwergewicht, Pendant ihres berühmten Landsmannes Teddy Riner. Und „die Dicke“ hat auch ein Erfolgsgeheimnis: „Mein Papa ist immer dabei, er ist quasi meine…

  • „Die Corona-Pause hat mir sehr gut getan!“

    Die zweite ÖJV-Dame, die bei den Olympischen Spielen in Tokio am 27. Juli auf die Matte des Budokan steigen wird, ist eine Wienerin. Magda Krssakova vom JC Sirvan, Vize-Europameisterin 2020 in der Klasse bis 63 Kilo. In der Olympia-Serie „Unser Team für Tokio“ stellen wir heute die 27-jährige, gebürtige Slowakin vor. Magda behauptet: „Die Corona-Pause…

  • Menschen im Judo

    Stephan Hegyi Im Rahmen unserer Serie „Menschen im Judo“ stellen wir heute einen jungen Judoka vor, der erst 16 Jahre ist, aber schon sehr erfolgreich – Stephan Hegyi vom SC Hakoah Wien, ist seit vergangenem Wochenende, seit seinem dritten Europacupsieg bei den Kadetten, in der Unter-18-Weltrangliste der IJF im Schwergewicht die neue Nummer 1! Lesen…

  • Eine große Medaille!

    Er ist erst 22 Jahre und schon in der Weltspitze. Er ist erst 22 Jahre und hat schon zwei ehrenvolle Titel – vor zwei Jahren „Mister Bundesliga“, im Vorjahr „Österreichs Judoka des Jahres“. Und er ist der einzige Athlet, der 2025 beim Heim-Grand Prix als Dritter bis 81 Kilo den Sprung aufs Podest geschafft hat…

  • Menschen im Judo

    Asimina Theodorakis In der Serie „Menschen im Judo“ befassen wir uns heute mit Assimina Theodorakis. Die Judokämpferin von WAT Stadlau gilt als Nachwuchshoffnung im österreichischen Judo. Bei Junioren-Europacups hat sie schon drei Medaillen geholt. Sie spricht über ihre Ziele und wie schwierig es ist, in einer Randsportart erfolgreich zu sein. Das Gespräch führte ihr Stadlauer…