Der „falsche Vili“?

Im Teil 5 der Serie „Unsere 6 in Paris“ geht es um ein Kuriosum. Denn Wachid Borchashvili, der 25-jährige Judoka aus Wels, vertritt Österreich bei den Olympischen Spielen bis 81 Kilo, obwohl sein Bruder Shamil in dieser Kategorie weit besser klassiert ist. Aber nachdem der „Familienrat“ beschlossen hatte, dass Wachid in Paris auf die Matte soll, weil sich Shamil aus persönlichen Gründen derzeit nicht für einen Einsatz fit genug fühlt, rückte die Nummer 19 der Welt automatisch in die Top 18. Es war auch eine schwierige Situation für den ÖJV, der sich letztlich beugte.

Nachdem Shamil Borchashvili vor drei Jahren bis 81 Kilo Olympia-Bronze in Tokio geholt hatte, meinte der Welser: „Ich möchte, dass in Paris alle drei Borchashvili an den Start gehen werden.“ Aber: Bruder Kimran (bis 66 Kilo) hatte mit einer erfolgreichen Olympia-Qualifikation in keiner Phase wirklich etwas zu tun, bei Shamil und Wachid war aber von Beginn an klar, dass einer der beiden daheim bleiben muss, weil pro Gewichtsklasse und Nation nur ein Judoka zu Olympia darf.

Am letzten Tag der Judo-WM in Abu Dhabi, bei der Wachid früh ausschied und Shamil gar nicht antrat, wurde es in ÖJV-Kreisen plötzlich hektisch. Das Gerücht kam auf, der „Familienrat“ im Hause Borchashvili habe entschieden, dass Wachid (Nr. 19) statt Shamil (Nr. 9) nach Paris soll. Plötzlich stand der Verband vor dem Problem, dass nicht seine Trainer über eine Nominierung entscheiden sollten, sondern die Familie. Es wurde viel diskutiert, auch eine Sperre für Shamil. Doch am Ende fand man eine gütige, salomonische Entscheidung. Shamil, der sich seit seinem EM-Bronze in Zagreb „psychisch und physisch nicht olympiareif“ fühlte, meldete sich krank – und so konnte Wachid als 19. im Ranking unter die fixen Top 18 nachrücken.

Dass Wachid der „falsche Vili“ in Paris sein könnte, will Borchashvili nicht gelten lassen. Auch er hat durchaus schon gute Erfolge vorzuweisen. Im März 2023 gewann er das Grand-Slam-Turnier in Tiflis, im Mai belegte der Oberösterreicher – nach durchaus umstrittenen Referee-Entscheidungen – den 7. WM-Rang in Doha, im November schrammte er als Fünfter in Montpellier denkbar knapp an einer EM-Medaille vorbei. In der Weltrangliste fand sich Wachid am Weg Richtung Top-10 wieder. Doch mit dem Olympia-Jahr 2024 kam der Knick. Plötzlich funktionierte nicht mehr viel. Nicht zuletzt, weil sein Betreuer Hitoshi Kubo den ÖJV verließ.

Nun aber, nach einem halben Jahr, hat sich mit Robert Krawczyk, früher selbst ein Weltklasse-Mittelgewichtler, WM-Medaillengewinner und Ex-Europameister, eine neue Bezugsperson Wachid angenommen. Dazu bringt sich Shamil als Trainingspartner und Ratgeber verstärkt ein. „Aktuell fühle ich mich stärker denn je, auch stärker als Shamil vor den Spielen in Tokio“, meint der 25-Jährige, um dann nach kurzer Pause hinzuzufügen: „Ich weiß: An einem guten Tag kann ich alle schlagen, auch Olympiasieger Takanori Nagase oder Weltmeister Tato Grigalashvili.“

Ähnlich hat sich vor Olympia in Tokio auch Bruder Shamil geäußert. Und der hat damals bekanntermaßen eine Medaille geholt …

Zur Person

WACHID BORCHASHVILI, Gewichtsklasse: Halb-Mittelgewicht, – 81 kg (30. Juli). Alter: 25 Jahre, Verein: LZ Multikraft Wels/OÖ, Wohnort: Marchtrenk/OÖ, 4 EM- und 4 WM-Teilnahmen, bisherige Olympia-Teilnahmen: 0. Graduierung: 1. Dan; Sportliche Erfolge: aktuelle Nr. 19 im IJF-Ranking, EM-Fünfter Montpellier 2023, WM-Siebenter Doha 2023, 1 Grand-Slam-Sieg (Tiflis 2023), zwei weitere Grand-Slam-Podestplätze (2. Duschanbe 2024, 3. Abu Dhabi 2023), Kampfbilanz 2024: 15 Kämpfe, 8 Siege (davon 6 mit Ippon, 2 x 2 Waza-ari), 7 Niederlagen ( 4 I, 3 W).

Morgen – letzter Teil: „Aaron Fara – sein wichtigster Sieg“

Foto: Wachid BORCHASHVILI (weißer Judogi) kämpft in Paris bis 81 Kilo - @Judo Austria / Oliver Sellner

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