Spätstarter Shamil als unser Glücksbringer?

Erst mit neun, als andere Kinder in seinem Alter schon ihre ersten Turniere gewannen, hat er mit Judo begonnen. Als Kind mit der Familie von Tschetschenien nach Österreich geflüchtet und in Wels ansässig geworden. Erst seit August 2017 österreichischer Staatsbürger – und jetzt soll Shamil Borchashvili bei den Olympischen Spielen in Tokio in der Klasse bis 81 Kilo zum Glücksbringer für Österreich werden! Was im Gespräch mit dem 26-Jährigen auffällt: Shamil ist außergewöhnlich sympathisch, spricht akzentfrei deutsch und einen leicht oberösterreichisch angehauchten Dialekt und ist das krasse Gegenteil von dem Image, das zuweilen Menschen aus Ländern rund um seine ursprüngliche Heimat hierzulande entgegenbläst. Ein Winner-Typ – auf und abseits der Matte! Im fünften Teil unserer Serie „Unser Team für Tokio“ stellen wir Shamil heute vor.

Unser Team für Tokio – heute: Shamil BORCHASHVILI

Es brauchte lange, bis sich Shamil Borchashvili für Judo begeistern konnte. Der Bann war aber mit seinem ersten Staatsmeistertitel vor elf Jahren in Wien (U17, bis 45 Kilo) gebrochen. Ab diesem Zeitpunkt legte er sich ins Zeug und erkannte: „Ich habe gelernt, meine Ziele sehr stark zu verfolgen. Ich bin leicht für etwas zu begeistern.“ Aber es gab Rückschläge. „2018 hat nichts geklappt, ich habe mich im Trainingslager in Mittersill am Handgelenk verletzt, hab länger pausieren müssen.“ Keine Lust auf Judo, den HTL-Abschluss gemacht – „ich war mit dem Kopf ganz woanders!“ Doch als Borchashvili, mittlerweile in der Klasse bis 81 Kilo, im November 2018 als Fünfter beim Grand Prix in Taschkent erstmals auf der World Tour platziert war, wurde Olympia auch ein Thema: „Ich will unbedingt in Tokio für Österreich kämpfen und eine Olympia-Medaille holen.“

Wann er erstmals wirklich daran geglaubt hat, in Tokio dabei zu sein? Im September 2019, wieder in Taschkent, als er zum ersten Mal auf der World Tour als Dritter auf Podest kletterte. „Ich hab gemerkt, dass es stetig bergauf geht“, lacht Shamil, der sich immer mehr in der Weltspitze etablierte. Den „Boarding Pass“ für den Tokio-Flieger sicherte sich Borchashvili mit dem Finaleinzug heuer im März beim Grand Slam in Tiflis. Er musste sich nur dem Belgier Sami Chouchi geschlagen geben und wurde Zweiter. „Jetzt gilt mein totaler Fokus Olympia“, sagt Shamil. Der seine größte Starke selbst in der Zielstrebigkeit sieht. Am „Tag X“ in Tokio kommt es auf mehrere Dinge an. „Auf die Tagesform und natürlich auch auf eine günstige Auslosung.“ Seine Klubkollegin Sabrina Filzmoser, für die es schon die vierten Spiele sein werden, schwärmt von Shamil: „Er kann an einem guten Tag und bei einer guten Auslosung sehr weit kommen!“ Was wir dem sympathischen Shamil natürlich wünschen …

Shamil Borchashvili (LZ Multikraft Wels/OÖ/bis 81 kg), 26 Jahre (09.06.1995), Sportsoldat, Weltranglisten-Position: 22 (2.792), 1. Olympia-Teilnahme (kämpft am 27. Juli), 2 WM-Teilnahmen (Tokio 2019, Budapest 2021), EM-Dritter Mixed-Team European Games Minsk/BLR 2019, aktuelle Resultate: 2. Grand-Slam Tiflis/GEO 2021, 7. Masters Doha/QAT 2021.

Foto oben: Shamil BORCHASHVILI (weiß) bei der WM in Budapest an seinem 26. Geburtstag - @Judo Austria / Oliver Sellner

Ähnliche Beiträge

  • Der lange Weg zurück

    Wenn ab Donnerstag insgesamt 17 ÖJV-Judoka in Zagreb um EM-Medaillen im Einzel und Mixed-Team kämpfen, dann fehlt einer, der auch die WM und Olympia 2024 längst schon abgeschrieben hat – der Wiener Schwergewichtler Stephan Hegyi. Der 25-Jährige vom SC Hakoah ist nach wie vor auf Reha, lebt seit Monaten bei seiner kanadischen Frau Allayah nahe…

  • Menschen im Judo

    Asimina Theodorakis In der Serie „Menschen im Judo“ befassen wir uns heute mit Assimina Theodorakis. Die Judokämpferin von WAT Stadlau gilt als Nachwuchshoffnung im österreichischen Judo. Bei Junioren-Europacups hat sie schon drei Medaillen geholt. Sie spricht über ihre Ziele und wie schwierig es ist, in einer Randsportart erfolgreich zu sein. Das Gespräch führte ihr Stadlauer…

  • Falsche Vizer-Gerüchte

    Der Internationale Judo-Verband (IJF) weist bei „247newsline.com“ veröffentlichte Gerüchte um den angeblich schlechten Gesundheitszustand von Präsident Marius L. Vizer in einer Stellungnahme (siehe unten) entschieden zurück. Der 65-Jährige, der in Rumänien geboren wurde und offiziell als Österreicher den Weltverband anführt, sei bei „guter Gesundheit“, heißt es in der IJF-Aussendung. Das hoffen und wünschen wir auch…

  • Trauer um „Mini“ Korner

    Die Judo-Familie trägt wieder Schwarz. Nur einen Monat nach Lutz Lischka, der im Jänner im 80. Lebensjahr verstarb, ist ihm nun Leopold Korner mit nur 65 Jahren – nach langem, schwerem Leiden – gefolgt. „Mini“, wie er allseits bekannt war und genannt wurde, war untrennbar mit dem Verein WAT Leopoldstadt bzw. danach Vienna Samurai verbunden….

  • Spittka DJB-Nationaltrainer

    Der Deutsche Judo-Bund hat einen neuen Nationaltrainer, der eine langjährige Tätigkeit in Österreich nachzuweisen hat – es ist Marko Spittka (@Judo Austria), 53, der von 2013 bis 2019 ÖJV-Bundestrainer war und zuletzt (seit 2022) in Usbekistan (unter anderen) die Weltranglisten-Erste Diyora Keldiyorova betreute, die bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris Japans Super-Star Uta Abe…

  • „Herrmannator“ ist 75

    Er ist, gefühlt, seit Menschengedenken im Judo. Aber er wurde am Sonntag „erst“ 75 – die Rede ist von Norbert Herrmann, dem Ehrenmitglied des Wiener Judo-Landesverbandes, dem langjährigen Nationaltrainer in der erfolgreichsten Dekade, dem 8. Dan. In unserer Serie „Menschen im Judo“ stellen wir den frischgebackenen 75er vor – den „Herrmannator“ … Mit 14 Jahren…