Menschen im Judo

Ernst Raser

„Wir wollen Nummer 1 werden“

Mit dem Beitrag über Präsident Ernst Raser starten wir heute auf www.judo-vienna.at die neue Serie „Menschen im Judo“. Es ist nach zwei Jahren Amtszeit, zur Halbzeit der Periode, eine (sportliche) Bilanz fällig, die durchaus positiv ausfällt. Lesen Sie im nachstehenden Interview mit einem der weltweit engagierten Mitbegründer des Damenjudo und langjährigen Erfolgstrainer von Gerda Winklbauer und Co., welche Ziele Raser hat, was er zur aktuellen Situation im ÖJV sagt, wie er die Regeländerungen sieht und was er sich für das Vienna Open vorgenommen hat.

Lieber Ernst, du bist jetzt zwei Jahre als Präsident des JLV Wien im Amt. Hast du deine bei der Wahl gesteckten Ziele bis jetzt erreicht?

Raser:
„Sogar mehr als das! Mein Ziel war, dass Wien in den vier Jahren bis 2015 wieder zur Nummer 1 in Österreich wird und Wiener Judoka wieder in der Weltklasse etabliert sind. Der erste Schub ist schneller gegangen als ich dachte. Wir sind bei der Jugend schon die Nummer 1, bei den Junioren Zweiter und in der Allgemeinen Klasse Dritter. Wir hatten 2012 erstmals zwei Vereine im Final Four der Bundesliga, eine Olympia-Teilnehmerin, einen Vize-Europameister bei der Unter 17 und erstmals seit vielen Jahren wieder einen Podestplatz im Weltcup. Wir klopfen also international an.“

Und wie ist dieser Aufschwung in der so kurzen Zeit von nur zwei Jahren gelungen?

„In Wien kann jeder Judoka täglich trainieren, ohne weitere Kosten. Weil die Vereine, vor allem die leistungsorientierten, für alle offenstehen, die sich weiter entwickeln wollen. Es ist in erster Linie ein Verdienst der Vereine und deren Trainer, wenn sich ihre Judoka verbessern. Der Verband kann nur das Umfeld schaffem und leistungsbezogen fördern. Ich bin sehr froh, dass sich neben den beiden  stärksten Klubs Galaxy Tigers und Samurai derzeit mit Stadlau noch ein dritter leistungsstarker Verein etabliert.“

Bei der ersten außerordentlichen Generalversammlung des ÖJV im September hat Wien gegen eine Wiederwahl des Vorstandes von Dr. Hans Paul Kutschera gestimmt, bei der zweiten im Oktober dafür. Warum dieser Sinneswandel?

„Weil wir der Meinung waren, dass es andere besser machen könnten und uns eine strukturelle Veränderung notwendig erschien. Dann hat aber der ÖJV-Präsident einem unserer Vorschläge, möglichst viele Landesverbände, und natürlich auch verstärkt Wien, in die aktive ÖJV-Arbeit einzubinden, umgesetzt. Durch die Wahl von Thomas Haasmann als für den Leistungssport zuständigen ÖJV-Vizepräsidenten haben wir für das Kutschera-Team gestimmt. Weil wir trotz aller Diskussionen und verschiedener Meinungen ja dasselbe Ziel haben: Gemeinsam für das Judo Positives zu bewegen.“

In Mittersill hat der ÖJV Marko Spittka als neuen Nationaltrainer Frauen/Männer präsentiert. Für dich eine Überraschung? Und was hältst du von ihm?

„Überraschung war es für mich keine. Spittka hat bisher in Innsbruck hervorragend gearbeitet, mit Kathrin Unterwurzacher und Bernadette Graf zwei Talente an die Spitze herangeführt. Er war eine logische Option. Ich hatte in Mittersill ein eineinhalsb Stunden dauerndes, gutes Gespräch mit ihm. Spittka war ein erfolgreicher Judoka, ist ein absoluter Fachmann und war sicher auch die finanziell beste Lösung für den ÖJV. Der Wiener Verband wird Spittka natürlich unterstützen, so gut es geht.“

2013 gibt es wieder Neuigkeiten im Regelwerk – bist du mit allem einverstanden?

„Nicht mit allem. Beinfassen sollte für mich Shido sein und nicht Hansokumake. Man sollte viel mehr das Tiefkämpfen unterbinden. Gut finde ich die Verkürzung der Osae-Zeit auf 20 Sekunden. Man muss aber alles in der Praxis sehen.“

Wie kann man das Vienna Open attraktiver machen?

„Es war bereits 2012 attraktiver. Wir haben die Teilnehmer-Anzahl um 60 auf 455 Judoka aus neun Ländern gebracht, obwohl an diesem Wochenende eine Bundesliga-Runde angesetzt war. Das soll heuer nicht mehr sein – unser Ziel sind einmal 600 Teilnehmer. Vielleicht schaffen wir das schon 2013 – ich habe jedenfalls beim Trainingslager in Mittersill schon kräftig Werbung für unser Turnier gemacht.“

Wie läuft´s im Verband selbst ab?

„Die Übersiedlung von der Sechshauserstraße nach Döbling, vom Rotlicht-Milieu in den grünen Nobelbezirk, hat sich positiv ausgewirkt. Unsere Ulla im Sekretariat ist ein Engel, und ich bin auch sehr mit allen anderen Funktionären zufrieden, die zum Teil noch sehr jung sind. So haben wir zum Beispiel eine Übungsleiter-Ausbildung mit Rekord-Nennergebnis, bei der Kata sind wir das erfolgreichste Bundesland, und auch bei den Kampfrichtern tut sich etwas. Unser Paul Perchtold wird zum EJU-Seminar entstandt und soll internationaler Kampfrichter werden. Auch das ist ein erster Schritt.“

Apropos Schritt – du wirst heuer 70. Steigst du eigentlich noch auf die Matte?

„Zweimal die Woche steige ich noch auf die Matte, ja. Jetzt in Mittersill war ich stundenlang beim Training dabei, um unsere Mädchen zu betreuen. Ich halte mich körperlich mit viel Bewegung in der Natur fit – und geistig, wie meine Freunde ja wissen, mit Schreiben von Büchern und Texten. Das alles gehört dazu, aber mein Leben – das ist Judo …“

Das Interview führte Josef Langer

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