Graft: Ein „gelebtes Leben“

Am 31. August des heurigen Jahres vollendete Ernst Raser sein 80. Lebensjahr, zehn Tage später mit Ernst Graft ein weiterer Ehrenpräsident des Judo-Landesverbandes Wien, und Ende Jänner folgt mit Lutz Lischka ein weiterer 80-er – Anlass genug, dass wir uns in der Serie „Menschen im Judo“ heute mit jenem Mann beschäftigen, der nicht nur dem Judosport den Stempel aufdrückte, sondern auch zum erfolgreichen Geschäftsmann und „Stempel-Guru“ wurde. Und, worüber wir uns besonders freuen: Ernst Graft ist ein rüstiger 80-er und einer, der das Leben genießt. Oder, wie er selbst sagt, auf ein „gelebtes Leben“ zurückblicken kann.

Als wir im September den 80-er Rasers feierten, fehlte Ernst Graft, weil er irgendwo im Salzburger Land einen Berglauf absolvierte. „ich mache 15 bis 20 Bergläufe im Jahr“, sagt Ernst Graft nicht ohne (berechtigten) Stolz. Er hat mehrere Marathons bestritten, den Glocknerlauf, den Sonnblicklauf in Rauris, und viele andere auch. Dass er in diesem Alter noch so sportlich sein kann, hat auch mit einer Operation zu tun, die er vor Jahren über sich ergehen hat lassen. „Der ehemalige ÖJV-Präsident Hans-Paul Kutschera hat meine beiden Knie bestens operiert, seither laufe ich wieder wie ein Junger“, schmunzelt Graft. Der zwar als aktiver Judoka keinen Staatsmeistertitel erkämpfen konnte, sich aber beruflich schon als junger Mann etablierte. Er musste nie stempeln gehen – denn er machte Stempel. Mit der Übernahme der großen, traditionellen Firma „R. Gärdtner & Comp. GesmbH“ in Wien-Liesing „blieb mir einfach zu wenig Zeit, im Judo regelmäßig und intensiv zu trainieren“, erzählt Graft, der auch erst mit knapp 20 mit dem Judo begann. „Ich hatte zwar keine gute Technik, aber viel Kraft. Und ich konnte gut analysieren“, sieht der Jubilar seine Stärken. Der bei WAT Margareten gemeldet war, „aber ich bin zu vielen Vereinen zum Training gegangen.“ Immerhin wurde er mit 30 Jahren Bundeskampfrichter und schaffte 1995 den Aufstieg zum IJF-B-Referee. Und er stand dem Judo-LV Wien ein Jahrzehnt, von 1995 bis 2004, als Präsident vor, als Nachfolger von Josef Herzog und bevor Heinz Huber die Position einnahm. „Ich habe damals die Schulsportaktion ausgebaut, die später von Rudi Eitelberger bestens weitergeführt wurde, und ich habe den Verband finanziell auf gesunde Beine gestellt“, sieht er durchaus persönliche Erfolge.

Judo verfolgt er noch via Fernsehen. Was sich in all den Jahren geändert hat? „Leider die Etikette – früher war ein Dan-Träger noch wer. Da haben alle anderen auf den geschaut. Heute ist der Respekt nicht mehr so wie er einst war. Das ist schade!“ Respekt zollt Ernst Graft aber auch dem vorige Woche gewählten neuen Präsidenten Erwin Schön. „Ich kenne Erwin als anständigen und seriösen Menschen, der fleißig ist und sicher eine gute Wahl für diesen Posten war. Ich wünsche ihm, dass er seine Ziele durchbringt und den Judosport in Wien weiter auf Erfolgskurs hält.“

Und was wünscht sich der Vater zweier Söhne (Ernst junior und Charly), der übrigens auch Vizepräsident in der Wirtschaftskammer und Honorarkonsul von Bangladesch in Österreich war, über ein starkes Netzwerk mit wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens immer noch verfügt, der viel liest und über die Feiertage mit seiner Frau Gerti „für ein paar Tage in eine kleine Pension“ fahren will, um dem ganzen Trubel zu entgehen, auszuspannen und mit seinem Hund Ronni spazieren zu gehen? „Gesundheit – ich fühle mich wohl, habe keine Schmerzen, kann noch meine Läufe bestreiten, bin geistig auf der Höhe, und ich habe alles, was ich zum Leben brauche.“ Zu einem – wie er es selbst formuliert – „gelebten Leben“. Dem Ernst Graft – im Judo wie in seinem Beruf – stets den Stempel aufgedrückt hat …

Foto: LV-Ehrenpräsident Ernst GRAFT vor seiner Bibliothek: "Ich lese viel und diskutiere gern" - @joe

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