Raser: „Noch mehr an der Basis arbeiten“

Mit der Bronzemedaille von Bernadette Graf (auf dem Podest-Bild ganz rechts/@EJU Carlos Ferreira) wurde zwar die ÖJV-Statistik (seit 2013 bei jeder EM zumindest eine Medaille) gerettet, aber war alles gut in Lissabon? Ernst Raser, Präsident des Judo-Landesverbandes Wien und Vizepräsident des ÖJV, ist ein Judoka durch und durch. Und ein Mensch, der auch seine Meinung artikuliert. Judo-Vienna.at hat mit dem 77-Jährigen gesprochen. Seine Zentralaussage: „Es gab Gutes und weniger Gutes – was mir aber als sehr wichtig erscheint: Wir müssen noch mehr an der Basis arbeiten. Das Judo, das in der Trainerausbildung gelehrt wird, muss moderner werden. Judo ist ein Spiel. Und Spiel macht Freude!“ Lesen Sie, was der „Vater“ unserer Damenjudo-Erfolge zu sagen hat.

Lieber Ernst, du hast das ganze Wochenende über nur Judo geschaut. Was hat dir von den rot-weiß-roten EM-Startern gefallen:

Raser: „Bernadette Graf hat nach ihrer langen Verletzungspause eine tolle Leistung erbracht. Ganz besonders im Kampf um Bronze, in dem sie zuerst taktisch gut kämpfte und dann mit einer schönen Kombination einen sehenswerten Ippon warf. Einzig im Ne-waza könnte sie noch besser sein. Zu den anderen: Daniel Allerstorfer hat eine Steigerung gezeigt, für ganz oben fehlt aber noch etwas. Shamil Borchashvili hat ebenfalls durchaus positiv gekämpft, allerdings war der Israeli um eine Klasse besser und siegte verdient. Aaron Fara war nicht schlecht, aber es war einfach zu wenig. Und Sabrina Filzmoser hat so gut wie schon lange nicht gekämpft. Allerdings fehlen ihr im Moment die starken Angriffstechniken, die du auf einem solchen Level aber brauchst.“

Und was hat dir weniger gefallen?

„Von Lukas Reiter habe ich mir einfach mehr Aggressivität erwartet. Die Niederlagenserie von Michaela Polleres ist mir unbegreiflich. Sie kann mehr, als sie in den letzten Turnieren gezeigt hat. Dass sie viermal in Serie in der ersten Runde auf die gleiche Kämpferin trifft, ist auch ungewöhnlich. Da muss der Computer irgendwie falsch gefüttert sein. Und bei Magda Krssakova, der einzigen Wienerin bei der EM, ist mir aufgefallen, dass sie nicht sofort angreift, wenn der Griff einmal gut ist.“

Im Vorfeld der EM hat ÖJV-Headcoach Yvonne Bönisch sinngemäß gemeint, die EM läuft in der Olympia-Vorbereitung mit. Siehst du das auch so?

„Drei Höhepunkte innerhalb von knapp mehr als drei Monaten – EM im April, WM im Juni und Olympia im Juli – kann kein Mensch setzen. Die großen Judo-Nationen, wie etwa die Franzosen, entsenden daher eher die, die nicht für Olympia qualifiziert sind. Für die ist so eine EM ein Höhepunkt. Frankreich hat zum Beispiel auf drei sichere Europameister verzichtet. Für die anderen, die für Tokio schon qualifiziert sind und an der EM teilgenommen haben, war Lissabon lediglich ein besseres Training unter Wettkampf-Bedingungen.“

Aufgefallen ist auch, dass Judoka aus zwölf Ländern die 14 Europameister stellten. Hat das damit zu tun, oder eventuell auch mit der unterschiedlichen Vorbereitungen durch Corona?

„Inwieweit Corona seinen Einfluss hat, ist schwer zu beurteilen. Aber die Vielzahl an erfolgreichen Nationen zeigt, dass es in all diesen Ländern Talente gibt, die optimal gefördert werden. Darauf müssen auch wir in Österreich den Fokus legen. Mir ist ganz wichtig, dass jedes Talent sorgfältig gehegt und gepflegt wird und die beste nur mögliche Unterstützung erhält. Dazu muss man in der Trainerausbildung ansetzen, wir müssen zu einem moderneren Judo finden.“

Eigentlich ist es unglaublich, dass – nach einer gewissen Schockstarre – das Welt-Judo auch in Zeiten der Pandemie auf ihre World Tour samt zwei Europameisterschaften zurückgekehrt ist. Wie siehst du das?

„Da haben der Weltverband, auch die EJU, und alle Veranstalter der Turniere großartige Arbeit geleistet. Man kann allen Beteiligten dazu nur herzlich gratulieren. Auch den Judoka, die unzählige Tests und Mühen über sich ergehen lassen mussten. Übrigens denke ich, dass die SportlerInnen für Olympia nicht voraus geimpft werden müssen. Sie sind mittlerweile in der jeweiligen Blase bei den Turnieren bestens versiert. Jetzt hoffen wir aber alle, dass es – spätestens im Herbst – auch wieder nationale und Wiener Wettkämpfe geben kann.“

Eine letzte Frage an den Frankreich-Kenner Ernst Raser: Wie steht´s um Superstar Teddy Riner, der die EM in Lissabon einmal ehr sausen hat lassen?

„Teddy will in Tokio zum dritten Mal Olympiasieger werden. Alles andere wird diesem Ziel untergeordnet. Für ihn war mit dem Masters-Sieg in Doha nur wichtig, fix qualifiziert zu sein. Wenn er in Tokio Gold holen will, dann muss er sowieso alle schlagen. Übrigens verstehe ich die Japaner nicht, dass sie Hisayoshi Harasawa fürs Schwergewicht nominiert haben und nicht Kokoro Kageura, der Teddy beim letzten Turnier vor Corona in Paris nach 152 Siegen des Franzosen in Serie die erste Niederlage zugefügt hat. Für mich wäre Kageura die bessere Wahl gewesen. Ich habe gehört, dass Riner im Juni bei der WM dabei sein wird. Der neue französische Verbandspräsident will nämlich den WM-Titel im Mixed-Team – und da wird er wohl Teddy Riner brauchen ….“

Danke für das Gespräch.

Das Interview führte: Joe Langer

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