„Nichts vorzuwerfen“

Vier Großereignisse, vier Chancen auf Bronze, vier fünfte Plätze – noch will es für Lubjana Piovesana mit einer Medaille für Österreich nicht klappen. Aber die Exil-Britin ist mit ihrem Auftritt bei der EM in Podgorica, nach überschlafener Enttäuschung, doch zufrieden. „Ich habe wenig trainiert, hatte schwierige letzte Wochen, und ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagt die 28-Jährige am Tag danach. Und ÖJV-Headcoach Yvonne Snir-Bönisch legt nach. „Die Medaille kommt sicher – vielleicht und hoffentlich schon im Juni bei der WM!“ Heute, Freitag, schieden alle drei ÖJV-Judoka aus.

Erst Mittwoch vor einer Woche war ihr um zwei Jahre jüngerer Bruder Luis in England begraben worden. Piovesana ist nach wie vor im Ausnahmezustand, in tiefer Trauer. Verpasste das letzte Intensiv-Trainingslager des EM-Kaders. Und kam nach Podgorica ohne Erfolgserwartungen. „Vielleicht war es sogar von Vorteil, dass ich mir selbst keinen Druck auferlegt und von außen keinen bekommen habe“, sagt „Lulu“, die im Nachwuchs-Bereich WM- und EM-Medaillen und 2018 in Györ den Unter-23-EM-Titel, allesamt noch für Großbritannien, geholt hatte. Vor drei Jahren zog sie zu ihrem Vorarlberger Freund Laurin Böhler ins „Ländle“, und 2023 erhielt sie die österreichische Staatsbürgerschaft. So durfte sie auch bei Olympia 2024 in Paris (bis 63 Kilo) starten und wurde dort – richtig! – ebenso Fünfte wie bei der WM 2023 und bei den letzten beiden Europameisterschaften.

„Jetzt habe ich noch sechs Wochen bis zur WM, da gase ich voll an“, blickt Piovesana schon nach vorn. In Budapest (13. bis 20. Juni) sollen dann auch die Paris-Dritte Michaela Polleres (bis 70 Kilo), die seit Olympia keinen Wettkampf bestritt, und Shamil Borchashvili (bis 81 Kilo) wieder dabei sein. Der Welser bestritt seit seinem Bronze bei der EM im April 2024 keinen Wettkampf mehr. Das Fehlen dieser Judoka erklärt vielleicht auch das bisherige schwache Abschneiden in Montenegro …

… das sich am Freitag mit Erstrunden-Niederlage aller drei ÖJV-Judoka leider fortsetzte. Junioren-Weltmeisterin Elena Dengg (ESV Sanjindo), zuletzt am Knie angeschlagen, verlor in der Klasse bis 70 Kilo gegen die Deutsche Dena Pohl mit einem Yuko (Tani-otoshi) drei Sekunden vor dem Ende, hatte aber auch schon zwei Shidos auf der Tafel. Da half alle Anfeuerung der Bischofshofener Klub-Legende Marianne Niederdorfer auf der Tribüne leider nichts.

Leider schieden auch beide Wiener Männer (jewils bis 81 kg / beide Galaxy) in Runde eins aus. Bernd Fasching unterlag dem Linz-Sieger Antonio Esposito (ITA) auf unglückliche Weise. Eine Sekunde (!) vor dem Ende wurde dem 21-Jährigen ein Waza-ari zugesprochen, das aber nach Video-Beweis annulliert wurde. Nach 31 Sekunden im Golden Score gelang dem Italiener das entscheidende Yuko. „Ich habe mir das Video zehnmal angeschaut, verstehe einfach nicht, warum das keine Wertung war“, haderte der Grand Prix-Dritte von Linz. „Offenbar habe ich ihn bei der Drehung zum Boden zu weit hochgezogen, dann ist es angeblich keine Wertung.“ Und im Golden Score? „Da habe ich einen Angriff versucht, geriet dabei aber etwas in Rücklage. Esposito hat das ausgenützt. Abhaken und auf die WM hintrainieren“, tröstete sich der enttäuschte WM-Siebente des Vorjahres. Faschings Klubtrainer Thomas Haasmann schäumte: „Das ist das zweite Mal, dass sie Bernd um den Erfolg bringen. Wir haben halt international keine Lobby!“ Auch Bernds Klubkollege Magamed Borchashvilli, der erste aus der „Three Brother Gang“, musste nach einem Freilos mit Ippon nach 3:19 Minuten gegen Petru Pelivan (MDA) die Segel streichen.

International gab es in den drei Freitag-Kategorien einen ungarischen Frauen-Titel bis 70 Kilo durch Szofi Ozbas (HUN) und bei den Männern eine gelungene WM-Revanche für Abu Dhabi 2024 durch den 21-jährigen Russen Timur Arbuzov, der den drei Jahre älteren dreifachen Welt- und Europameister Tato Grigalashvili (GEO) im Finale schlug. Im Semifinale hatte Arbuzov den belgischen Ex-Weltmeister Matthias Casse bezwungen. Bis 90 Kilo jubelte Italien! Christian Parlati krönte sich erstmals zum Europameister. Im Medaillenspiegel bzw. in der Nationenwertung führt nach drei von vier Tagen Frankreich (2/2/4) vor den „Neutralen“ unter der IJF-Flagge (2/2/0), Italien (1/2/3) und Georgien (1/2/0), dem Gastgeber der nächstjährigen EM in Tiflis. Weitere Goldene holten bisher Deutschland, der Kosovo, Tschechien und Ungarn. Österreich ist dank Piovesanas fünftem Platz jetzt an 21. Stelle unter den 47 teilnehmenden Nationen.

Am Samstag, dem letzten Tag der Einzelbewerbe, haben noch vier ÖJV-Judoka die Chance, es besser zu machen.. Bei den Frauen trifft Maria Höllwart (ESV Sanjindo) in der Klasse über 78 Kilo auf die Lokalmatadorin Jovana Mrvaljevic (MNE), bei den Männern bekommt es bis 100 Kilo Ljubljana-Sieger Adam Borchashvilli (Galaxy Tigers) mit dem starken Serben Bojan Dosen zu tun. Und über 100 Kilo kämpfen Movli Borchashvilli (Galaxy – gegen Slobodan Vukic / MNE) und Stephan Hegyi (SC Hakoah – gegen Giannis Antoniou / CYP) um den Aufstieg in die nächste Runde. Vorrunden ab 10.30 Uhr, Finalblock ab 16 Uhr.

Foto: Lubjana PIOVESANA (weißer Judogi) im Bronze-Kampf gegen Carlotta AVANZATO (Ita) - @EJU / Gabi Juan

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