Dämpfer, nicht mehr

Ein fünfter Platz von Lubjana Piovesana (bis 63 Kilo) war bei der Judo-EM in Podgorica Österreichs einige Ausbeute. Sonst gab es, mit Ausnahme am Samstag, fast nur Erstrunden-Niederlagen – auch für den Wiener Bernd Fasching (bis 81 Kilo), von dem man sich eine Platzierung erhofft hatte. Der Galaxy-Judoka, WM-Siebenter des Vorjahres und heuer Dritter beim Grand Prix in Linz, musste sich nach einer umstrittenen Entscheidung Antonio Esposito (ITA) geschlagen geben, Noch am Tag danach wurde darüber heftig diskutiert. Samstag gab´s vier Siege und vier Niederlagen.

Drei Sekunden vor dem Ende brachte Fasching den Olympia-Fünften und Linz-Sieger mit einer Drehbewegung auf den Rücken, Die Kampfrichterin gab Waza-ari, die Uhr blieb bei einer Sekunde verbleibender Kampfzeit stehen. Die vermeintlich größte Hürde auf dem Weg zu einer Platzierung schien übersprungen. Doch dann meldete sich der Video-Assistent, die Wertung wurde zurückgenommen, und Fasching verlor im Golden Score. Klub-Trainer Thomas Haasmann schäumte: „Eine fatale Fehlentscheidung!“ Der Judoka selbst war auch ratlos. Österreichs EM-Kampfrichter Roland Poiger, der es übrigens auch in den Finalblock schaffte, klärt auf: „Esposito war sowohl mit beiden Ellbogen als auch mit beiden Knien auf der Matte, daher war es eine Newaza-Situation.“ Also regelkonform …

Für Fasching geht nach dem frühen Ausscheiden bei seiner ersten EM nicht die Welt unter. „Ich muss jetzt einfach hart weitertrainieren und mir neue Ziele setzen.“ Das nächste ist die WM im Juni in Budapest. Dort werden er und der genesene (und auch kampfbereite) Olympia-Dritte Shamil Borchashvili für Rot-Weiß-Rot um eine Platzierung kämpfen. Da könnte sich ein spannendes internes Duell entwickeln. Der Welser wird im Juni 30, wäre also bei den Olympischen Spielen schon 33. Ob sich Shamil, der bereits auf die Spiele in Paris zugunsten seines mittlerweile zurückgetretenen Bruders Wachid verzichtet hatte, das noch antut? Fasching ist aber erst 21, also neun Jahre jünger – und bei ihm stellt sich wohl die Frage, ob er bis 2028 die 81 Kilo halten kann. Spannend!

Für seinen Mentor Haasmann aber wäre es eine besondere Genugtuung, könnte Fasching (oder auch ein anderer aus seinem Verein) die Olympia-Qualifikation für Los Angeles schaffen. 44 Jahre, nachdem er selbst in L.A. auf die olympische Tatami gestiegen war. „Dann schließt sich der Kreis“, sagt der mittlerweile 63-Jährige. Er ist auch nach dem Dämpfer von Podgorica (für ihn war´s „ein Skandal“) motiviert, auch wenn sein aktueller Klub-Sponsor abgesprungen ist. „Diese drei Jahre mache ich noch, und dann …“ Ja, dann ist Haasmann 66. Und da fängt bekannterweise das (neue) Leben erst an.

Am Samstag, dem letzten Tag der Einzel-Bewerbe, gab´s für alle vier ÖJV-Starter Auftaktsiege und in Runde zwei das Aus. Der Wiener Stephan Hegyi (SC Hakoah / über 100 Kilo) verbuchte ein Waza-ari (Tai-otoshi) gegen Gioannis Antoniou (CYP), aber in Runde 2 war er gegen den „russischen Bär“ Inal Tasoev (Weltmeister 2023, zweifacher Europameister) mit Ippon auf verlorenem Posten. In der selben Gewichtsklasse siegte auch Movli Borchashvilli (Galaxy) zunächst mit Hansokumake (drei Shidos) gegen Slobodan Vukic (MNE). Er brkam aber den zweiten Russen – Valeri Endovitskii – als nächsten Gegner und verlor nach einer Minute mit Ippon (O-soto-gari). Und bis 100 Kilo gewann auch Bruder Adam Borchashvilli (Galaxy) seinen ersten Kampf gegen den starken Serben Bojan Dosen nach 3:32 Minuten mit Ippon für Sangaku-jime. Bei Anton Savytskyi (UKR) war dann aber Endstation (Ippon). Und auch bei den Frauen gab´s einen Auftakt-Erfolg: Maria Höllwart (ESV Sanjindo) warf in der Klasse über 78 Kilo Jovana Mrvaljevic (MNE) mit Ippon. Auch für sie endete die EM in der zweiten Runde mit einer Ippon-Niederlage gegen die russische IJF-Athletin Elis Startseva. Somit blieb der fünfte Platz von „Lulu“ das einzige zählbare Ergebnis für Judo Austria.

Übrigens: die beiden russischen Schwergewichtler, die unsere beiden „Brocken“ schlugen, standen einander im Finale gegenüber. Dem 1,98 m großen Endovitskii gelang ein schnelles Waza-ari, das aber annulliert wurde. Dann wurde Tasoev stärker, es ging in den Golden Score. Beide waren vom intensiven Duell schon ziemlich gezeichnet, nach zweieinhalb Minuten Overtime gelang Tasoev das entscheidende Yuko, das ihn nun zum dreifachen Europameister macht. Was gab´s sonst? Bis 100 Kilo schlug Ilia Sulamanidze (GEO) Olympiasieger Zelym Kotsoiev (AZE) mit Yuko, die Frauen-Titel gingen an Patricia Sampaio (POR / bis 78 Kilo) und Romane Dicko (FRA / über 78 Kilo), deren Vater erster Gratulant war. „Papa ist immer dabei, er ist mein größter Fan und Mentor“, lachte die Französin. Die „neutralen“ (russischen) Judoka unter IJF-Flagge gewannen die Medaillenwertung mit sieben Medaillen (3/3/1) vor Frankreich mit zehnmal Edelmetall (3/2/5) und Georgien (2/2/0). Je einmal Gold holten sechs Nationen (CZE, GER, HUN, ITA, KOS, POR). In der Nationenwertung findet man Österreich dank Rang 5 von Piovesana auf dem 22. Platz unter den 47 Nationen.

Die EM in Montenegros Metropole wird am Sonntag mit dem Mixed-Bewerb abgeschlossen. Österreich trifft dabei auf die Gastgeber und bei einem Sieg auf die starke Mannschaft aus Georgien. Aber selbst bei einer Niederlage gegen den nächsten EM-Veranstalter wäre man dann schon in der Trostrunde und platziert. 2019 hatte Österreichs Team mit Mixed-Bronze für eine Überraschung gesorgt. Wer weiß, vielleicht gibt es in Podgorica noch einen versöhnlichen Abschluss …

Alle Ergebnisse aus Podgorica findet ihr hier.

Foto: Bernd FASCHING (links) im Duell mit Antonio ESPOSITO - @EJU / Gabi Juan

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