Die „unwichtige“ WM

Freilich, jede Weltmeisterschaft ist wichtig. Und eine Medaille ist eine Medaille – aber die am Sonntag beginnende Judo-WM in Baku ist die wohl „unwichtigste“ seit vier Jahren. Denn die Punkte werden für die Olympia-Qualifikation noch halbiert, und bis zu den Spielen 2028 in Los Angeles gibt es noch zwei weitere WM-Chancen: 2027 in Astana (KAZ) und 2028 in Lausanne (SUI). Deshalb sagt auch ÖJV-Headcoach Yvonne Snir-Bönisch: „Natürlich wollen wir eine Medaille, unser Team hat auch das Zeug dazu. Aber sollte es nicht mit Edelmetall klappen, ist es auch kein Hals- und Beinbruch.“

Sonntag (9.30 MESZ, Finalblock 16 Uhr MESZ) startet der Saison-Höhepunkt in der Hauptstadt Aserbaidschans mit den leichten Gewichtsklassen. Bei den Männern bis 60 Kilo ist Lokalmatador Balabay Aghayev (AZE), Nummer 1 im IJF-Ranking, topgesetzt und, mit dem Heimpublikum im Rücken, auch einer der absoluten Gold-Favorits. Titelverteidiger Ryuju Nagayama (JPN) ist nur an Nummer 8 gesetzt. Aber der Weltmeister von Budapest 2025 machte sich zuletzt auf der IJF World Tour, wie andere Japaner auch, rar. Er hat das Zeug, den Titel gegen starke Konkurrenz zu wiederholen.

Auch bei den Frauen könnte eine Asiatin Gold holen. Nicht unbedingt die Japanerin Wakabe Koga, übrigens nicht verwandt mit dem leider viel zu früh verstorbenen Olympiasieger und dreifachen Weltmeister Toshihiko Koga – sondern die Chinesin Xanrin Hui, die zwar noch keine WM-Medaille hat, die Stzliste aber als Nummer 1 anführt. Titelverteidigerin Assunta Scutto (ITA) hatte kein gutes Jahr, rutschte seit Budapest 2025 auf den 18. Platz im Ranking ab.

Für Österreich wird es am Mittwoch interessant, wenn Lubjana Piovesana als erste ÖJV-Athletin bis 63 Kilo auf die Tatami steigt. Erste Gegnerin der 29-jährigen Austro-Britin ist die um sechs Jahre jüngere, noch eher unerfahrene Koreanerin Yeji Kim. Am Donnerstag bekommt es Michaela Polleres bis 70 Kilo zunächst mit Melissa Myers (USA), immerhin dreifache Afrika Open-Siegerin, zu tun. Nachstehend eine von der ÖJV-Pressestelle zusammengestellte Statistik zur WM.

Zahlen und Fakten zur 39. Judo-Weltmeisterschaft in Baku

  • In der Nennliste scheinen aktuell (30.09.) 637 Judoka aus 96 Nationen auf – angeführt von 10 Titelverteidiger:innen von Budapest 2025 (-48: Assunta Scutto/ITA, -52:Uta Abe/JPN, -57: Eteri Liparteliani/GEO, -63: Haruka Kaju, -70: Shiho Tanaka/beide JPN; -60; Ryuju Nagayama, -66: Takeshi Takeoka/beide JPN, -73: Joan-Benjamin Gaba/FRA, -90: Sanshiro Murao/JPN, +100: Inal Tasoev/RUS).sowie nicht weniger als 12 Weltranglisten-Ersten (-48: Xinran Hui/CHN, -57: Eteri Liparteliani/GEO,-63: Haruka Kaju/JPN,  -70: Lara Cvjetko/CRO, -78: Anna Monta Olek/GER, +78: Raz Hershko/ISR; -60: Balabay Aghayev/AZE, -66:Takeshi Takeoka/JPN,  -73: Muhiddin Asadulloev/TJK, -90: Sanshiro Murao/JPN, -100: Gennaro Pirelli/ITA, +100: Inal Tasoev/RUS).
  •  Die größten Delegationen stellen Gastgeber Aserbaidschan mit 24 Aktiven (u.a. mit den Olympiasiegern Hidayat Heydarov/-73 sowie Zelym Kotsoiev/-100, gefolgt von Brasilien, Italien, Japan, Korea, Russland sowie den USA (je 18). Die Judo-WM findet nach 2018 zum bereits zweiten Mal in der 2,3-Millionen-Einwohner-Metropole statt. Austragungsort ist die 6.000 Besucher:innen fassende Nationale Turn-Arena. 2018. 2018 waren insgesamt 755 Judoka aus 124 Nationen am Start. Österreich belegte vor acht Jahren in der Nationenwertung den geteilten 35. Rang. Einzige Ausbeute war Platz sieben von Kathi Unterwurzacher (-63). Judo-Großmacht Japan räumte 7 x Gold, 5 x Silber und 4 x Bronze ab.
  • An Preisgeld werden 800.000 Euro verteilt. Für den WM-Titel gibt’s 26.000 Euro (davon erhält 20.800 € die Athletin/der Athlet bzw. 5.200 der Coach. Der Vize-Weltmeistertitel bringt 15.000 (12.000/3.000), für Platz drei gibt’s noch 8.000 (6.400/1.600) zu verdienen. Für die Weltrangliste werden den Titelträger:innen jeweils 2.000 Zähler gutgeschrieben, für Rang zwei gibt’s 1.400 Punkte, für Platz drei 1.000.

Österreichs WM-Team für Baku (in chronologischer Reihenfolge)

Mittwoch, 7. Oktober, 4. Wettkampftag (Vorrunde ab 08:30 MESZ, Finalblock ab 16:00), -63 kg: LUBJANA PIOVESANA (LZ Hohenems/V), aktuell die Nr. 12 der IJF-Weltrangliste, 29-jährig, 4. WM-Teilnahme, größte Erfolge: Olympia-Fünfte 2024 Paris, WM-Fünfte 2023 Doha, 2-fache Grand-Slam-Siegerin (Duschanbe/TJK, Baku/AZE, jeweils 2024), Resultate 2026: jeweils Dritte bei den Grand-Slams in Duschanbe/TJK und Ulaanbaatar/MGL, Fünfte beim GS in Budapest, internationale Kampfbilanz 2026: 11 Siege, 8 Niederlagen. – Erste Gegnerin: Yeji KIM (Korea).

Donnerstag, 8. Oktober, 5. Wettkampftag (Vorrunde: 08:30 MESZ, Finalblock: 16:00), -70: MICHAELA POLLERES (JC Sparkasse Wimpassing/NÖ), aktuell Nr. 13 im IJF-Ranking, 29 Jahre, 6. WM-Teilnahme, größte Erfolge: Olympia-Silber 2021 Tokio/JPN, Olympia-Bronze 2024 Paris/FRA, 2-fache WM-Medaillengewinnerin (2023 Doha/QAT, 2021 Budapest/HUN), Resultate 2026: zuletzt am 12. September Dritte beim Grand-Slam von Ungarn in Budapest, Zweite beim Grand-Slam in Duschanbe/TJK, Siegerin des Heim-Grand-Prix in Linz, Kampfbilanz: 15:7. – Erste Gegnerin: Melissa MYERS (USA). -90: THOMAS SCHARFETTER (JC Sanjindo Bischofshofen/S), IJF-Ranking: Platz 53, Alter: 25, größte Erfolge: EM-Fünfter 2026 Tiflis/GEO, GP-Dritter 2023 Linz, GP-Fünfter 2025 Linz, Kampfbilanz: 8:11. – Erster Gegner nach Freilos: Sieger aus Chen (TPE) gegen Nerpel (HUN).

Freitag, 9. Oktober, 6. Wettkampftag (Vorrunde: 08:30, Finalblock: 16:00), -78: ELENA DENGG (JC Sanjindo Bischofshofen/S), Alter: 22, Weltranglisten-Platzierung: Platz 58, 3. WM-Teilnahme, größte Erfolge: Junioren-Weltmeisterin 2024 Duschanbe/TJK, U23-Europameisterin 2024 Pila/POL, Resultate 2026: 5. Grand-Slam Lausanne/SUI, 5. European Open Sofia/BUL, Kampfbilanz: 7:7. – Erste Gegnerin: Zanet MICHAELIDOU (Zypern).

Samstag, 10. Oktober, 7. Wettkampftag (Vorrunde: 09:30, Finalblock: 16:00), +78: MARIA HÖLLWART (JC Sanjindo Bischofshofen/S), Weltrangliste: Rang 71, Alter: 26, 4. WM-Teilnahme, größte Erfolge: Siebente beim Heim-GP 2025 Linz, U23-EM-Fünfte 2021 Budapest/HUN, Resultate 2026: 1. European Open Prag/CZE, 5. European Open Sarajevo/BIH, Kampfbilanz: 4:4. Erste Gegnerin: Helena VUKOVIC (Kroatien). – +100: MOVLI BORCHASHVILLI (Sportzentrum Galaxy Tigers/NÖ), 42. im IJF-Ranking, 25-jährig, 2. WM-Teilnahme, größte Erfolge: Dritter Grand-Prix (World-Tour) 2024 Zagreb/CRO, Resultate 2027: 1. Tahiti Oceania Open, 3. Prag European Open, 3. Sofia European Open, Kampfbilanz: 10:6. Erster Gegner: Akira NAKAYIMA (Uganda).

Sonntag, 11. Oktober, 8. Wettkampftag, Mixed Team (17 Nationen haben genannt, Vorrunde: 07:30, Finalblock: 16:00), Team Austria wird ergänzt durch LAURA KALLINGER (-57/Judoring/W), Weltrangliste: Rang 83, Alter: 24, 2. WM-Teilnahme (nach 2024), Erste bei den European Open 2026 Prag/CZE, FIRAS BEN SAAD (-73/LZ Multikraft Wels/OÖ), IJF-Ranking: Rang 235, Alter: 22, Siebenter beim European Cup 2026 Sarajevo/BIH. – Wird erst ausgelost.

Foto: Balabay AGHAYEV (blauer Judogi) könnte als Lokalmatador zuschlagen - @IJF / Tamara Kulumbegashvili

Ähnliche Beiträge

  • Sayonara – Teil 10

    Wow, das ist er also, der ehrwürdige Budokan. Viele Besucher haben diese tempelähnliche Halle heute zum ersten Mal gesehen. Hier finden bis zum 1. September die 38. Judo-Weltmeisterschaften statt. Mit einem ersten Höhepunkt, vielleicht, am Montag – dem Sister-Act der Abe´s, wie schon 2018 in Baku. DER EHRWÜRDIGE BUDOKAN – Groß und mächtig, schicksalsträchtig –…

  • Budapest, Baku, Kasachstan

    Osteuropa regiert die Judo-Welt, zumindest Weltmeisterschaften betreffend. Denn die nächsten drei Welttitelkämpfe sind durchwegs östlich von Österreich. 2025 in Budapest, 2026 in Baku und 2027 in Kasachstan. Am Montag gab die IJF bekannt, dass eine Woche nach der Fixierung der WM 2027 auch jene von 2026 vergeben wurde. An Aserbaidschan, wo es sehr erfolgreiche Judoka…

  • Nachwuchs-Training mit Perspektiven

    Die World Tour funktioniert auch in der Corona-Pandemie, EM und WM sowie Olympia werden stattfinden – aber was ist mit den vielen Nachwuchs-Judoka? In der Karwoche gab es zwei ÖJV-Trainingslager in St. Johann im Pongau, bei denen auch die Wiener Judoka stark vertreten waren. Zuerst die Unter 16-Jährigen (Bild oben), dann die U18. Wiens Schülerreferent…

  • Die Weihnachts-Story

    Wenn am Samstag bei der europäischen Klubmeisterschaft in Montpellier (FRA), die erstmals als Mixed-Bewerb ausgetragen wird, UJZ Mühlviertel als Österreichs Vertreter um den Titel mitkämpft, wird einer ein internationales Comeback feiern, der vor vier Jahren bei einem Arbeitsunfall fast sein Leben verloren hätte – Christoph Scheiblhofer, 22 Jahre jung, ist (fast) wieder der „alte“. Er…

  • Omas Germknödel auf dem Silber-Tablett

    „Jetzt freue ich mich schon auf die Germknödel von der Oma“, sagte Österreichs frischgebackene Vize-Europameisterin Magdalena Krssakova noch in Prag. Mittlerweile ist die 26-jährige Wienerin schon zu Hause und hat die Delikatesse auf dem Silber-Tablett serviert bekommen. „Die schmecken immer gut“, genoss sie es. Magda war aus österreichischer Sicht der wohl größte Lichtblick der Judo-EM…

  • Sauna nicht nötig

    Wir erleben derzeit die schon vierte Hitzewelle dieses Sommers – das tut aber den Ambitionen der Judoka keinen Abbruch. Denn auch bei 35 Grad tummelten sich am Mittwoch im BSFZ Südstadt 30 Judoka auf der Tatami. Betreut von ÖJV-Stützpunkttrainer Axel Eggenfellner und Wiens Landestrainer Norbert Stumpf ließen sich die zumeist jungen Kader-Athleten von den heißen…