Teddys Showdown

Er ist einer der größten Sportstars des Olympia-Gastgebers Frankreich. Er hat dreimal Olympia-Gold gewonnen (zwei im Einzel, einmal mit dem Team), er ist unglaubliche 11-mal Weltmeister, er war ein Jahrzehnt lang ungeschlagen, und jetzt soll er in seinem „Wohnzimmer“ für die ersehnte Goldene sorgen. Teddy Riner, 35 Jahre jung, 2,05 Meter groß und 140 Kilo schwer, MUSS diese Goldene holen! Aber so leicht werden es ihm die anderen nicht machen …

Teddy, der Sportheld der „Grande Nation“, die an den ersten sechs Olympia-Tagen kein Judo-Gold gewann. Teddy, der Fackelträger, der bei der pompösen Eröffnungsfeier das olympische Feuer entzünden durfte. „Das war ein Erlebnis, das ich meinen Olympiasiegen gleichsetze“, war der Superstar berührt. Jean-Luc Rouge, 1975 in der Wiener Stadthalle erster französischer Judo-Weltmeister, später französischer Verbandspräsident, Vizepräsident in der IJF, bringt es auf den Punkt. „Wir hatten mit David Douillet im Schwergewicht einen absoluten Superstar. Aber nie und nimmer hätten wir gedacht, dass so etwas noch zu toppen ist.“ Teddy bewies das Gegenteil.

Als 18-Jähriger stürmte er 2007 ins Schwergewichts-Finale der WM in Rio, besiegte dort den Russen Tamerlan Tmenow und wurde erstmals Weltmeister. A star was born! Zehn weitere WM-Goldene sollten folgen, bei Olympia begann er mit Bronze 2008 in Peking, ehe er bei den Spielen 2012 und 2016 nicht zu schlagen war. Apropos: Von 2010 bis 2020 feierte Riner 154 Siege in Serie, ehe ihn der Japaner Kokoro Kageura ausgerechnet beim Grand Slam in Paris-Bercy stoppte. Gestoppt wurde Riner auch vor drei Jahren im olympischen Viertelfinale vom Russen Tamerlan Baschajew, der übrigens in Paris vom IOC nicht zugelassen wurde. Teddy holte dann Bronze und mit dem Mixed-Team sein drittes Olympia-Gold.

Die Jäger in Paris haben aber ihre Pfeile schon auf den Franzosen gerichtet, der nur als Nummer 6 gesetzt ist. Allen voran der Weltranglisten-Erste und regierende Weltmeister Min-Jong Kim (KOR), aber auch der Georgier Guram Tushishvili (Olympia-Zweiter von Tokio) und Temur Rakhimov (TJK) sowie der Japaner Tatsuro Saito. Und nicht zu vergessen Lukas Krpalek, der tschechische Olympiasieger von Tokio. Er mag zwar zuletzt etwas abgebaut haben, aber auch er geht auf Jagd. Und es könnte durchaus sein, dass einer dieser Herren den „Judo-Gott“ so ärgern kann wie der Pole Grzegorcz Teresinski, der zuletzt bei den European Open in Madrid im Finale den Franzosen mit einem Waza-ari an den Rand der Niederlage brachte. Den Polen braucht Riner nicht beachten – er ist gar nicht für die Spiele in Paris qualifiziert.

6. Wettkampftag (Donnerstag)

Als letzter Österreicher im Einzel stieg Aaron Fara (JC Wimpassing) bis 100 Kilo auf die Matte. Der Bad Erlacher verlor in der ersten Runde gegen Olympiasieger Aaron Wolf (JPN) nach 1:16 Minuten mit zwei Waza-ari und schied aus. Schon nach wenigen Sekunden, als Fara seinen Ausheber anzusetzen versuchte, konterte Wolf mit einem Beinwurf (O-uchi-gari), danach folgte das zweite Waza-ari des Japaners. Olympia-Debütant Fara hat sich aber nichts vorzuwerfen.

Fara selbst tat es dennoch: „Mit dem ersten Angriff von Wolf hab ich überhaupt nicht gerechnet. Er hat mich dadurch auch aus meinem Plan gerissen“, meinte der Bad Erlacher, der beim ORF-Interview auch seine Bürgermeisterin grüßte: „In der Gemeinde haben sie alle frei gekriegt, um mich kämpfen zu sehen. Jetzt ist es halb elf am Vormittag, ich bin draußen, und die Armen müssen wieder arbeiten.“ Der gläubige Aaron äußerte sich noch auf besondere Art: „Ich danke Jesus – mir tut nur leid, dass ich ihn heute nicht besser vertreten konnte.“

Der „falsche Aaron“, Wolf eben, besiegte in Folge Ex-Weltmeister Jorge Fonseca (POR), ehe der Japaner an Ilia Sulamanidze (GEO/Nr. 2) scheiterte. Der Georgier erreichte das Finale, musste sich da aber der Nummer 1, Zelym Kotsoiev (AZE) durch Hansokumake geschlagen geben. Allerdings führte der klar bessere Georgier bis 13 Sekunden vor dem Ende mit Waza-ari, ehe er wegen eines Scheinangriffs die „rote Karte“ sah. Und Wolf? Erreichte nicht einmal den Bronze-Kampf, nur Rang sieben am Ende für den japanischen Olympiassieger!

Und da auch bei den Frauen bis 78 Kilo mit Madeleine Malonga die Olympia-Zweite von Tokio und Weltmeisterin 2019 schon in der zweiten Runde ausschied, wartet Gastgeber Frankreich vor dem letzten Tag weiter auf das erste Judo-Gold. Ebenso hörte man die japanische Hymne nicht, und auch die deutsche wurde nicht aufgelegt. Denn Favoritin Anna Maria Wagner verlor ihr Semifinale und holte am Ende nur Bronze. Damit bleibt ÖJV-Headcoach Yvonne Snir-Bönisch weiter die einzige deutsche Judo-Olympiasiegerin. Sie hatte 2004 in Athen Gold in der Klasse bis 57 Kilo geholt. Der Olympia-Titel 2024 ging an eine Außenseiterin. Alice Bellandi (ITA/Nr. 7) bezwang die an Nummer 3 gesetzte Israelin Inbar Lanir durch Hansokumake, nachdem sie schon mit Waza-ari in Führung gelegen war.

Daraus ergibt sich nach zwölf Entscheidungen folgender Medaillenstand: Japan (3/1/3) vor Aserbaidschan (2/0/0) und Georgien (1/2/0). Weitere sechs Nationen haben je einen Olympiasieg (CAN, CRO, ITA, KAS, SLO, UZB) – und Gastgeber Frankreich, die „Grande Nation“ im Judo neben Japan, hält bei nur zweimal Silber und fünfmal Bronze. Österreich liegt unter den 122 Nationen jetzt auf Rang 20, kann sich am Freitag aber nicht mehr verbessern, weil kein(e) schwere(r) ÖJV-Judoka auf die Matte steigen wird.

Foto: Kann Teddy RINER auch in seinem "Wohnzimmer" die Daumen hoch alten? - @IJF Media

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