100 Tage Bönisch – Bilanz und Ausblick

Bei Politikern wird nach 100 Tagen im Amt erste Bilanz gezogen – wir machen das heute auch. Denn Yvonne Bönisch, seit Jänner neuer ÖJV-Headcoach, ist exakt heute 100 Tage mit Österreichs Judo-Assen auf du und du. Wie hat sich die 40-jährige Deutsche, die 2004 in Athen am dritten Olympia-Tag die erste deutsche Goldene holte und immer noch Deutschlands erfolgreichster weiblicher Judoka ist, in Österreich eingelebt? Wie denkt sie über ihre Arbeit im ÖJV, was sind ihre Ziele und wie wichtig ist die kommende EM? Wir haben mit Yvonne gesprochen.

Yvonne, du bist seit 100 Tagen für den ÖJV tätig. Wie lebt sich´s in Linz, wie kommst du mit Österreich und den Österreichern zurande?

Bönisch: „Alles gut! Ich hab mir meine zentral gelegene Wohnung in Linz schon fast komplett eingerichtet. Da bedanke ich mich auch bei Nationaltrainer Patrick Rusch, der meinen privaten Möbelpacker gespielt hat. Ja, und es läuft alles optimal. Ich verstehe auch immer besser den österreichischen Dialekt. Nur, wenn Bernadette Graf mir eine SMS schickt, muss ich manchmal noch nachfragen, was sie da gemeint hat.“

Du gibst vor jedem Turnier als Ziel „eine Medaille“ aus – das hat bis jetzt auch fast immer geklappt. Wie stark siehst du das ÖJV-Team?

„Sehr stark. In der Mannschaft steckt sehr viel Potenzial. Es ist eine gute Mischung von sehr routinierten Judoka wie zum Beispiel Sabrina Filzmoser und jungen wie etwa Shamil Borchashvili. Es ist kein Zufall, dass wir in jedem Turnier Chancen auf Podestplätze haben und das heuer bisher auch sehr gut umgesetzt haben.“

Es ist schon schwer, auf einen Jahreshöhepunkt hinzuarbeiten. Noch schwieriger ist es, zwei Schwerpunkte zu setzen. Aber drei wie heuer – EM, WM und Olympia innerhalb von dreieinhalb Monaten – ist wohl gar nicht möglich. Wie gehst du damit um.“

„In Wahrheit gibt es heuer für uns nur einen Höhepunkt – Olympia! Natürlich wollen wir bestmöglich die Chance nützen, jetzt bei der EM nächste Woche in Lissabon und dann im Juni noch bei der WM in Budapest Punkte für die Olympia-Qualifikation zu holen. Da geht es zum einen, „Sabsi“ für Tokio abzusichern und andererseits, noch die eine oder andere Chance auf ein Olympia-Ticket zu wahren. Ich denke da etwa an Aaron Fara, der, wenn er anschreibt, durchaus noch auf den Olympia-Zug aufspringen kann.“

Von 16. bis 18. April findet in Lissabon die EM statt. Speziell für „Sabsi“ wird es wohl eine emotionale. Es ist, voraussichtlich, ihre letzte; 2008 hat sie in Lissabon ihr erstes EM-Gold geholt, vor exakt zehn Jahren in Istanbul, nur zwei Tage nach dem Begräbnis von Claudia Heill, ihre zweite. Ist das für Filzmoser ein Ansporn oder Gefahr, was die nervliche Anspannung betrifft?

„Sabsi hat die Erfahrung, diese emotionale Komponente wegzustecken. An der Motivation wird es bei ihr nicht scheitern. Es wird eher die Frage sein, ob und wie ihr Körper mitmacht. Natürlich war der Kreuzbandriss, den sie sich letzten Sommer im Länderkampf gegen Deutschland zugezogen hat, ein Rückschlag. Aber wer Sabsi kennt, weiß, dass sie nie aufgibt und alles versuchen wird, auch bei der EM in Lissabon anzuschreiben.“

Wer hat dich in deinen 100 Tagen als ÖJV-Headcoach besonders positiv überrascht und wie kann man Michaela Polleres helfen, rechtzeitig aus ihrem unbestritten vorhandenen Formtief herauszufinden?

„Also, Shamil Borchashvili hat mich begeistert. Er machte eine tolle Entwicklung, hat sich auch schon für Olympia qualifiziert und hat durchaus Potenzial, bei der EM um die Medaillen mitzukämpfen. Erfreulich für mich war auch der Formanstieg von Stephan Hegyi zuletzt beim Grand Slam in Antalya. Der dritte Platz gibt ihm sicher Selbstvertrauen für die EM. Was Michaela betrifft: wir haben zuletzt viel individuell gearbeitet. Sie hat in drei Turnieren dreimal in ihrem ersten Kampf gegen die Slowenin Anka Pogacnik verloren. Das muss raus aus dem Kopf – Michi ist nach wie vor eine der Besten in der 70-Kilo-Klasse und ich hoffe, dass sie noch vor Olympia zu ihrer alten Form zurückfinden kann.“

Hast du schon genug von der „Bubble“, also von der „Blase“ bei den Turnieren – es wird sich ja bis Olympia wohl nichts ändern. Und bist du dafür, dass alle Olympia-Athleten vor Tokio geimpft werden sollen?

„Mittlerweile ist man dieses ganze Prozedere schon gewöhnt. Es ist für alle Beteiligten natürlich mühsam, aber wir sind froh, dass wir auf der World Tour unsere Turniere bestreiten dürfen, dass es eine WM und EM gibt und Olympia. Ich hoffe, dass es mit dem Virus bald vorbei sein wird. Das mit den Impfungen ist ein heikles Thema. Die Sportler reisen viel und könnten, wenn sie positiv sind, das Virus transportieren. Wichtig ist mir, dass die alten Menschen und Risikogruppen zuerst getestet werden. Aber wenn genug Impfstoff da ist, wäre es freilich auch gut, noch rechtzeitig vor Tokio die Olympia-Beteiligten zu impfen.“

Danke, liebe Yvonne – und viel Glück!

Foto oben: ÖJV-Headcoach Yvonne BÖNISCH (ganz links) mit dem Olympiakader und Nationaltrainer Patrick RUSCH (rechts) im Leistungszentrum Linz. - @ÖJV

Das Interview führte: Joe Langer

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