Wie einst in Lissabon

Sensationen sind das Salz in der Suppe des Sports. Sternstunden gibt es allerorten bestenfalls alle paar Jahre. Eine solche gab es am Samstag in der Hauptstadt des in Europa eher unbekannten Landes Tadschikistan. In Duschanbe feierte das kleine rot-weiß-rote Team beim Grand Slam, dem vorletzten Turnier vor der WM in Abu Dhabi (19. bis 24. Mai) zweimal Gold und einmal Silber. Und ließ, trotz des eher mäßig prominent besetzten Teilnehmerfeldes, die Verantwortlichen jubeln. „Historisch, verrückt“, hörte man aus der Ferne. Wie einst in Lissabon, als bei der EM 2008 – also in einem Olympiajahr – Ludwig Paischer und Sabrina Filzmoser innerhalb von nur 55 Minuten zweimal Gold für Österreich holten.

Es war an einem lauen Apriltag im EXPO-Center in Lissabon, als sowohl „Lupo“ als auch „Sabsi“ ins EM-Finale um Gold einzogen. Der ORF war damals mit Marc Wurzinger samt Kamerateam dabei, und er konnte eine Erfolgsstory drehen. Zuerst besiegte Paischer in der Klasse bis 60 Kilo den Niederländer Ruben Houkes und holte (nach 2004) sein bereits zweites EM-Gold. 55 Minuten später, nachdem die Frauenklasse bis 52 Kilo und die Männer-Kategorie bis 66 Kilo beendet waren, gelang Filzmoser das gleiche Kunststück. Die Welserin schlug im Finale bis 57 Kilo mit Isabel Fernandez (ESP) einen damals absoluten Superstar, holte ihren ersten von zwei EM-Titel (der zweite folgte 2011 in Istanbul) – und Österreich hatte, knapp drei Monate vor den Olympischen Spielen in Peking, zwei Europameister! Cheftrainer war damals der (Ost)Deutsche Udo Quellmalz, 1996 Olympiasieger in Atlanta und zweifacher Weltmeister (1991 in Barcelona, 1995 in Tokio) . Und in Peking gab´s dann Silber durch Paischer …

Heuer scheint es Parallelen zum Olympiajahr 2008 zu geben, Ähnlich wie damals in Lissabon war der Einzug von gleich drei ÖJV-Judoka – Lubjana Piovesana (LZ Hohenems) bis 63 Kilo, Michaela Polleres (JC Wimpassing) bis 70 kg und bei den Männern Wachid Borchashvili (LZ Multikraft Wels) bis 81 Kilo – eine Sternstunde. Dass zwei von ihnen, „Lulu“ und „Michi“ auch noch gewonnen haben, war herausragend. Oder, wie es ÖJV-Headcoach Yvonne Snir-Bönisch formulierte: „Einfach nur verrückt!“ Übrigens: Auch Yvonne ist (Ost)Deutsche, auch sie ist (2004 in Athen) Olympiasiegerin und bis heute die einzige deutsche Judo-Frau mit einer olympischen Goldmedaille. „Ich hoffe, dass sich das in Paris ändern wird“, sagt die Erfolgstrainerin, die (zum Glück für den ÖJV) schon bis Ende 2028 verlängert hat.

Freilich: Unsere beiden Duschanbe-Goldenen waren topgesetzt – das heißt aber am Beispiel Polleres als aktuell Nummer 5 der Welt: die vier besten Judoka in ihrer Gewichtsklasse waren nicht da. Egal – freuen wir uns zum Beispiel über Piovesana, die Ex-Britin und Wahl-Vorarlbergerin, und sagen wir DANKE an Laurin Böhler, dass er uns „Lulu“ nach Österreich „verschleppt“ hat! Denn mit ihrem zweiten Grand Slam-Sieg stürmte Piovesana in die Top Ten im IJF-Ranking, könnte mit einer guten WM auch sogar noch in die Setzliste der Top 8 bei den Spielen hineinrutschen. Letzten Endes hat sie sich gegen die Wienerin Magdalena Krssakova (JC Sirvan) im Kampf um ein Paris-Ticket verdient durchgesetzt. Magda war zwar 2020 Vize-Europameisterin und ihre interne Gegnerin zweimal „nur“ Fünfte, aber allein schon das Ranking gibt eine klare Antwort zugunsten der Neo-Österreicherin, die im Interview-Block von Judo-TV, dem „Golden Score“, äußerst sympathisch rüberkam. Daher gratulieren auch wir von „judo-vienna“ Piovesana ganz herzlich!

Am Sonntag war kein ÖJV-Judoka mehr in Duschanbe im Einsatz. Bis 78 Kilo der Frauen gab es ein reindeutsches Finale, in dem sich Anna-Maria Wagner gegen Alina Böhm durchsetzte. Eine der beiden könnte auch den Olympia-Solostatus unserer Cheftrainerin beenden. Und ein Highlight war auch Frankreichs Superstar Teddy Riner, der alle seine Kämpfe mit Ippon gewann, dabei sehr variantenreich war und auch im Finale Lokalmatador Temur Rakhimov aus Tadschikistan keine Chance ließ. Da die Schweiz noch eine Silbermedaille holte, gewannen die Eidgenossen (2/2/0) die Medaillenwertung knapp vor Österreich (2/1/0) und Italien (2/0/1). Je einmal Gold machten Judoka aus Tadschikistan, Frankreich, Deutschland, der Mongolei, Japan, Kanada und Turkmenistan. Das war am Ende ein buntes Potpourri bei den Nationalhymnen …

Wie geht es nun weiter? Vor der WM ist nur noch Katharina Tanzer nächstes Wochenende beim Grand Slam in Astana im Einsatz. Die Steirerin (SU Noricum Leibnitz) war in Duschanbe schon am Freitag in der Klasse bis 48 Kilo in Runde zwei ausgeschieden. Die anderen konzentrieren sich ab sofort auf die WM am Persischen Golf.

Foto oben: Österreichs Medaillen-Trio von Duschanbe - von links Wachid Borchashvili, Michaela Polleres und Lubjana Piovesana - mit den Trainern Yvonne Snir-Bönisch und Robert Krawczyk - @zVg
2008 bei der EM in Lissabon: Die beiden Europameister Ludwig PAISCHER und Sabrina FILZMOSER mit dem damaligen ÖJV-Cheftrainer Udo QUELLMALZ - @joe

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