Poiger: „Haben vieles richtig gemacht“

Seit eineinhalb Jahren nun ist Dr. Martin Poiger Präsident im Österreichischen Judoverband, und schon bei der ersten Weltmeisterschaft in seiner Ära gab es Bronze durch Michaela Polleres in der Klasse bis 70 Kilo. Die erste WM-Medaille seit elf Jahren, seit Bronze von Sabrina Filzmoser bei der WM 2010 in Tokio. Alles eitel Wonne sechs Wochen vor Olympia? „Wir haben vieles richtig gemacht!“, behauptet der 44-jährige Burgenländer, der am Donnerstag beim Finalblock in der Budapester Laszlo-Papp-Halle neben dem kroatischen Judo-Präsidenten genauso jubelte wie Minuten später sein Amtskollege nach dem Sensations-Gold von Barbara Matic. ÖJV-Pressechef Wolfgang Eichler hat seinen Präsidenten interviewt – hier ist es:

Beim IJF-Kongress wurde IJF-Präsident Marius Vizer einstimmig für vier Jahre wiedergewählt. Der Österreicher ist seit 2007 im Amt. Wie ist seine Wiederwahl zu bewerten?

Martin Poiger: „Die Einstimmigkeit hat ihn auch persönlich gerührt. Das ist nach 14 Jahren Präsidentschaft ein deutliches Signal – eine Würdigung seiner Leistungen. Unter Marius Vizer hat sich Judo, das 1996 in Atlanta noch knapp vor dem Olympia-Aus stand, zu einer globalen Sportart entwickelt. Judo war in London 2012 und Rio 2016 hinter den Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen die Sportart mit den drittmeisten teilnehmenden Nationen (145). Das wird im kommenden Sommer in Tokio nicht anders sein. Bei der WM in Budapest waren insgesamt 665 Judoka aus 118 Nationen vertreten. Das Turnier wurde in 190 Nationen übertragen, in 120 davon sogar live. Das kann sich sehen lassen.“

Wie wird Judo Austria in der IJF wahrgenommen?

Poiger: „Ich wurde in Budapest immer wieder auf die Ernennung von Yvonne Bönisch zum Headcoach angesprochen. Auch von Marius Vizer. Dass sie die erste Frau im Judo in dieser Funktion ist, schlägt hohe Wellen. Erst recht, nachdem wir am Donnerstag dann auch noch durch Michaela Polleres die erste WM-Medaille seit 2010 gewonnen haben. Was mich persönlich freut: Wir haben bei den letzten drei Großevents, den Europameisterschaften 2020 in Prag, der EM 2021 in Lissabon und jetzt bei der WM in Budapest, immer im Medaillenspiegel angeschrieben  – noch dazu mit 3 verschiedenen Judoka. Das spricht dafür, dass wir mehrere Weltklasse-AthletInnen haben. Yvonne ist erst seit sechs Monaten im Amt. Sie setzt auf Teamwork und richtig harte Arbeit, bringt mit ihrer Motivation und mit ihrer Erfahrung viel frischen Wind. Das verstärkte Training am Bundesstützpunkt in Linz trägt erste Früchte. Der Teamspirit könnte besser kaum sein. Die Szene nach dem Bronze-Kampf war bezeichnend: Michaela verneigt sich, geht von der Matte und läuft Richtung Team. Alle liegen sich in den Armen, Aktive, TrainerInnen, BetreuerInnen. Das wird sich weiter bezahlt machen, ich hoffe, auch bei den Olympischen Spielen in Tokio.“

Wie hast Du persönlich die Auftritte von Michaela Polleres erlebt?

Poiger: „Beim Kampf um Bronze war mein Blutdruck auf 200, glaube ich. In Österreich sind wir jetzt 11 Jahre dieser WM-Medaille nachgelaufen. Schön, dass es endlich geklappt hat: Als Verband hilft uns das bei Sponsorenverhandlungen und auch bei der Verteilung der Sportförderungen. Dazu zeigt es, dass unsere Entscheidung, Markus Moser als Sportdirektor zu verlängern und Yvonne Bönisch als Cheftrainerin zu verpflichten, absolut richtig war. Natürlich ist man dann auch als Präsident erleichtert und ein bisschen stolz. Wir haben in den letzten Monaten vieles richtig gemacht – das lässt sich mit Zahlen & Fakten belegen!“

Zum ersten Mal in der IJF-Geschichte wurde eine WM im Olympia-Jahr ausgetragen. Das ergab sich durch die Verschiebung der Sommerspiele. Hat sich dieses Experiment bewährt, nur 40 Tage bevor die Spiele beginnen?

Poiger: „Eines ist jetzt schon klar: Auch im Olympiajahr 2024 wird es wieder eine WM geben. In Budapest waren 12 von insgesamt 14 Weltranglisten-Ersten am Start. Wie vorher schon gesagt: Die TV-Bilder wurden in 190 Länder übertragen. Auch das sportliche Niveau hat alle überzeugt. Und darüber hinaus haben wir zum x-ten Mal bewiesen, dass unsere COVID-19-Präventionskonzepte sehr gut greifen. Positive Fälle bleiben die absolute Ausnahme. Weiterer Aspekt: Die WM hat auch die Olympia-Qualifikation nochmals aufgewertet.“

Bei der WM waren 1.000 BesucherInnen pro Tag zugelassen – in einer Halle, die 10.500 BesucherInnen fasst. Wie hast Du die Stimmung wahrgenommen?

Poiger: „Die Ungarn lieben Judo, sind traditionell sehr fachkundig. Natürlich hätten wir gerne eine noch vollere Halle gehabt. Aber es tut gut, dass ZuschauerInnen wieder für Stimmung sorgen. Die 1.000 Ungarn konnten nicht ganz eine volle Halle ersetzen, aber die Stimmung war absolut WM-würdig. Unser Team hat sich richtig wohlgefühlt. Ich glaube, das gilt auch für die anderen Nationen.“

Foto: Judo kann glücklich machen! Michaela POLLERES mit ihrer Medaille und ÖJV-Präsident Martin POIGER - @Judo Austria / Oliver Sellner

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