„Lulu“ wieder Fünfte

Bei der WM 2023, zweimal bei der EM, und jetzt auch bei Olympia – Lubjana Piovesana scheint fünfte Plätze gepachtet zu haben. Auch in Paris verlor die gebürtige Britin (LZ Hohenems) in der Klasse bis 63 Kilo ihren Bronze-Kampf – allerdings gegen die Olympiasiegerin und 6-fache Weltmeisterin Clarisse Agbegnenou (FRA) nach 1:32 Minuten mit Ippon. „Sie ist die Judo Queen, wenn man einen Fehler macht, nützt sie den gleich aus“, meinte „Lulu“ nach ihrem Olympia-Debüt, mit dem sie aber sehr zufrieden sein kann. Bei den Männern bis 81 Kilo hingegen schied Wachid Borchashvili (LZ Multikraft Wels) im Achtelfinale aus. Mittwoch hofft das rot-weiß-rote Team auf die nächste Chance: Michaela Polleres, Olympia-Zweite von Tokio 2021, steigt (hoffentlich oft) auf die Matte.

Neben den sieben olympischen Judo-Medaillen (zweimal Gold, dreimal Silber, zweimal Bronze) gab es für Österreich bisher auch vier fünfte Plätze. Piovesana sorgte für den fünften Fünften – nach Lutz Lischka (1972 München), Erich Pointner (1976 Montreal), Claudia Heill (2008 Peking) und Bernadette Graf (2016 Rio). Dabei wurde die in Birmingham geborene Tochter von belgisch-italienischen Eltern erst Anfang 2023 eingebürgert, nachdem sie nicht mehr im britischen Team kämpfen wollte. Auf Anhieb wurde sie EM- und WM-Fünfte, auch heuer in Zagreb verlor sie den Kampf um EM-Bronze. Es ist wie verhext – denn auch bei Olympia ereilte „Lulu“ dieses Schicksal.

Nachdem Piovesana in der Vorrunde Esmigul Kuyulova (KAZ/Waza-ari) und Lucy Renshall (GBR/Golden Score) bezwungen hatte, wurde sie im Viertelfinale von Prisca Awiti Alcaraz (MEX) nach 12 Sekunden im Golden Score gestoppt. „Lulu“ war bis zum Ende der regulären Kampfzeit die bessere Judoka und drauf und ran, ins Semifinale einzuziehen. So aber musste sie in die Hoffnungsrunde, in der sie gegen Jisu Kim (KOR) nach 1:21 Minuten einen Ippon-Sieg am Boden (Sangaku) feierte. Damit stand die Freundin von Laurin Böhler im Bronze-Kampf gegen Jung-Mutter Agbegnenou, gegen die sie in sechs Kämpfen nie gewinnen konnte. „Lulu“ startete mit drei starken Angriffen, aber landete nach der ersten Aktion der Französin leider auf dem Rücken.

Headcoach Yvonne Snir-Bönisch wertet den fünften Rang ihres Schützlings als großen Erfolg. „Es ist gar nicht hoch genug zu bewerten, innerhalb von nur 18 Monaten – nach einer zweijährigen Pause – EM-, WM- und Olympia-Fünfte zu werden, dazu zwei Grand-Slam-Titel zu holen. Lulu wird uns in den nächsten Jahren viel Freude bereiten.“ Das hat auch die einerseits enttäuschte, aber am Ende des Tages doch über Rang 5 zufriedene Austro-Britin vor. „Deutsch lernen, viel trainieren, und 2028 in Los Angeles hole ich mir dann die Olympia-Medaille“, lacht die 27-Jährige.

Bronze also für die „Judo Queen“ Clarisse, die von 8.000 Fans in der Champ-de-Mars-Arena frenetisch bejubelt wurde. Aber die „Grande Nation“ Frankreich ist auch nach dem vierten Tag noch ohne Gold, weil auch bei den Männern keiner den Finaleinzug schaffte. Agbegnenou, die vor der Geburt ihrer Tochter schier unschlagbar schien, ist nach ihrem Comeback offenbar nicht mehr so stark wie einst. Und so verlor sie das Semifinale gegen Andreja Leski – die Slowenin machte die Sensation perfekt, setzte mit ihrem Finalsieg über Piovesana-Berzwingerin Alcaraz die Tradition der slowenischen Judo-Olympiasiegerinnen – wie Urska Zolnir 2012 in London und Tina Trstenjak 2016 in Rio – fort. Alle übrigens in der selben Gewichtsklasse bis 63 Kilo – kurios …

Bei den Männern feierte Wachid Borchashvili (LZ Multikraft Wels) den erwarteten Auftakt-Sieg über Mohammad Samim Faizada (AFG / Ippon nach 2.42 Minuten), musste aber im Achtelfinale die Klasse des dreifachen Weltmeisters Tato Grigalashvili (GEO) mit Ippon anerkennen. Damit schied der Welser, der anstelle seines im Ranking besser qualifizierten, aber „krank“ gemeldeten Bruders Shamil antrat, leider aus. Was bleibt, ist doch ein fahler Nachgeschmack, dass letztlich der so genannte „Familienrat“ darüber bestimmen konnte, wer zu den Spielen fliegt. Freilich: Bei Wachid wurde eine Woche vor Paris noch eine Verletzung akut, die ihn sichtlich behinderte.

Grigalashvili stürmte ins Finale, fand aber in Olympiasieger Takanori Nagase seinen Meister. Der Japaner, Titelverteidiger in dieser Klasse, gewann den Gold-Kampf gegen den verdutzten Georgier mit Ippon, nachdem er zuvor schon ein Waza-ari auf der Tafel zu Buche hatte. Ein souveräner Sieg und die dritte japanische Judo-Goldmedaille dieser Spiele. Es war übrigens die 51. Judo-Goldene – am Sonntag hatte Hifumi Abe (bis 66 Kilo) die 50. geholt. Dennoch werden die Japaner ihren Rekord von neun Goldenen bei insgesamt zwölf Medaillen (2021 in Tokio) und auch nicht achtmal Gold (bei zehn Medaillen / 2004 in Athen) erreichen können. Die Asiaten sind aber noch auf eine Revanche anderer Art aus – auf den im Mixed-Bewerb, denn vor drei Jahren schnappten ihnen die Franzosen das Gold weg. Jene Franzosen, die daheim noch auf die erste „Medaille d´or“ warten.

Nach vier Judo-Tagen in Paris führt Japan (3/0/3) in der Medaillenwertung weiter vor Kasachstan (1/01) sowie nun vier Ländern (AZE, CAN, SLO, UZB), die je einen Olympiasieg haben. Und die Tricolores sind nach acht Entscheidungen (0/2/4) weiter goldlos. Übrigens: In der Nationenwertung, in der auch fünfte und siebente Plätze gewertet werden, findet sich Österreich dank Rang fünf von Piovesana auf Platz 20 unter 122 Nationen – übrigens gemeinsam mit den Belgiern, weil auch deren Superstar bis 81 Kilo, Matthias Casse, seinen Bronze-Kampf (als Nummer 1 der Welt) verlor.

Für Österreich heißt es am Mittwoch erneut Daumendrücken. Denn mit Michaela Polleres (JC Wimpassing) bringt das ÖJV-Team bis 70 Kilo die nächste Medaillenhoffnung auf die Matte. Wir wünschen der Olympia-Zweiten von Tokio 2021 Alles Gute und mehr Glück, als es „Lulu“ hatte!

Foto: Der entscheidende Moment im Bronze-Kampf: Lubjana PIOVESANA (weiß) wird von Clarisse AGBEGNENOU geworfen - @IJF Media / Gabriela Sabau

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