Der lange Weg zurück

Wenn ab Donnerstag insgesamt 17 ÖJV-Judoka in Zagreb um EM-Medaillen im Einzel und Mixed-Team kämpfen, dann fehlt einer, der auch die WM und Olympia 2024 längst schon abgeschrieben hat – der Wiener Schwergewichtler Stephan Hegyi. Der 25-Jährige vom SC Hakoah ist nach wie vor auf Reha, lebt seit Monaten bei seiner kanadischen Frau Allayah nahe Toronto, wollte schon mit Judo aufhören, aber jetzt hat er sich ein neues Ziel gesetzt: Olympia 2028 in Los Angeles. „Es war schwierig, mich neu zu motivieren, aber jetzt bin ich wieder guter Dinge“, berichtet der dreifache EM-Medaillengewinner (zweimal Bronze im Einzel, einmal mit dem Team) aus seinem „Exil“. Es wird ein langer Weg zurück – „aber wir lassen ihm diesmal mehr Zeit“, sagt ÖJV-Headcoach Yvonne Snir-Bönisch, die eingesteht. „Wir haben ihm vielleicht zu viel Druck auferlegt, damit er Paris noch schafft. Aber diesen Fehler machen wir nicht mehr.“ Eine Motivation für Hegyi, der Ende Mai nach Wien zurück kommt, ist auch das Comeback von Laurin Böhler, der einen ähnlichen Leidensweg überwinden musste und überwunden hat.

Kreuzbandriss links, Achillessehnenriss rechts, etliche Operationen, Rückfall im IJF-Ranking von einem olympischen Fix-Platz ins Niemandsland der Klasse über 100 Kilo, seit zwei Jahren praktisch nicht mehr aktiv, frustriert, der Verzweiflung nahe, kurz vorm „Judogi an den Nagel hängen“ – aus dem einstigen „Riesenbaby-Talent“ wurde ein Häuflein Elend. Aber da ist – neben seinen Eltern – noch jemand, der den schweren Judoka (derzeit 140 Kilo bei 1,86 m Körpergröße) bestens unterstützt. Seine Allayah, die mit Stephan jetzt nach Wien ziehen und ihm auf dem langen Weg zurück zur Weltspitze helfen will. „Sie gibt mir die Kraft und Motivation, es noch einmal zu probieren“, sagt Hegyi. Der dann 2028, wenn es in Los Angeles wieder um olympisches Edelmetall geht, mit 30 eigentlich im idealen Alter für einen Schwergewichtler sein würde. Dass seine Nationaltrainerin einen Fehler begangen haben soll, bestreitet Hegyi. „Ich habe mir ja selber den Druck gemacht, wollte unbedingt in Paris dabei sein.“ Aber dann kamen die Verletzungen. Wann hat er eigentlich Olympia 2024 abgeschrieben: „Gleich nach der Diagnose – da habe ich gewusst: das geht sich für dieses Mal nicht mehr aus.“

Der Weg zurück ist nicht nur ein langer, sondern auch ein harter. Sein Physio Fred Siemes, der auch in der Südstadt arbeitet, ist täglich mit Hegyi in Kontakt. „Ich gehe jeden Morgen ins Gym, absolviere dort das mit Fredy abgesprochene Programm, gehe am Nachmittag laufen und regeneriere gut“, berichtet Hegyi aus Kanada. Aber Judo schaut er sich nicht an. „Ich kann nicht zuschauen, ich schaffe das einfach nicht.“ Die Ergebnisse kennt er freilich schon, und daher kann er auch die Frage beantworten, wer seiner Meinung nach in Paris Gold über 100 Kilo holen kann. „Teddy Riner ist natürlich ein heißer Kandidat, noch dazu in seinem Wohnzimmer – aber es gibt einige, die dem Franzosen die Suppe versalzen können.“ Hegyi meint vor allem den „neutralen“ (Russen) Inal Tasojew, den Japaner Tatsuru Saito und den Georgier Guram Tuschischwili, dazu die Tadschiken und Usbeken, aber weniger den finnischen Europameister Martti Puumalainen. „Es wird spannend!“

Da Hegyi verletzt ist und der Mühlviertler Daniel Allerstorfer seine internationale Karriere beendet hat, musste plötzlich ein junger Wiener dieses Loch stopfen. So vertritt Movli Borchashvilli von den Galaxy Tigers diese Woche Österreich in der Klasse über 100 Kilo. Movli will schon wieder mit Stephan trainieren. „Ich vermisse ihn. Und ich hoffe, dass er bald wieder so stark zurück kommt, wie er war.“ Konkurrenz, noch dazu im eigenen Lager, ist immer gut. Aber vorerst gilt für den „Vermissten“, wieder langsam mit Judo (ab Juni) zu beginnen und sich noch einmal – dann eben vier Jahre später – auf Olympia vorzubereiten. Dazu von uns nur Alles Gute, lieber Stephan!

Foto: Stephan HEGYI - mehr Zeit für die Rückkehr auf die Matte - @EJU

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