Eines seiner seltenen Interviews mit ihm zu bekommen, ist schon schwierig. Und wenn, dann muss der Termin monatelang davor abgestimmt und die Fragen vorab schriftlich eingereicht werden. Uns ist es gelungen, am Ende der WM in Baku mit IJF-Präsident Marius Vizer zu sprechen. „Maximal 30 Minuten“, war die Vorgabe seines Büros. Es wurden fast eineinhalb Stunden. „Weil ich Österreicher bin und Österreich für immer danke!“
Ende der 80er-Jahre war der gebürtige Rumäne mit seiner Familie nach Österreich geflüchtet. Der Geschäftsmann war Judotrainer in Oradea, engagierte sich bald auch auf Funktionärsebene und durchlief die herkömmlichen Stationen. Dann wurde Vizer Europas Judo-Präsident und 2007 wählte man ihn zum Präsidenten des Weltverbandes. „Als ich die IJF übernahm, hatten wir 400.000 US Dollar Schulden. Ich habe sofort ein Zweijahres-Programm erstellt, die IJF World Tour eingeführt und auch aus eigener Tasche viel Geld hineingesteckt“, sagt der bald 68-Jährige. „Aber ich mache das, weil ich Judo liebe.“ Und er macht das auch offiziell als Österreicher. „Ich werde Österreich immer dankbar sein, dass man meine Familie und mich damals als Flüchtling aufgenommen hat.“ Jetzt lebt Vizer als österreichischer Staatsbürger in Budapest.
Heute stünde die IJF gut da. „Wir sind von einem Sport, den man einst als Pyjama-Raufen abwertete, zu einem der führenden Sportverbände der Welt gewachsen. Hier in Baku haben 600 Judoka aus fast 100 Ländern an einer WM teilgenommen, die gut organisiert war und großartigen Judosport brachte.“ Zum zweiten Mal nach 2018 hat Aserbaidschan die WM ausgetragen. Warum immer in dieser Region? Zuletzt hat eine WM westlich von Budapest 2011 in Paris stattgefunden, erst 2028 gibt es in Lausanne wieder eine in Westeuropa. „Ich denke, das hat in erster Linie finanzielle Gründe. Länder wie Deutschland, Großbritannien, die Niederlande, Belgien oder Spanien würden gern eine WM bekommen, es fehlt aber in Europa an Geld.“
Deshalb Baku, deshalb 2027 Astana in Kasachstan, deshalb 2029 Georgien. „Wo gibt es einen Sportverband, der schon auf so lange Sicht seinen Saison-Höhepunkt, die Weltmeisterschaft, vergeben hat?“, fragt Vizer. Er sei stolz darauf, den Verband dorthin geführt zu haben, wo er heute steht. Auch mit der IJF-Gala, bei der „Botschafter des Judo unseren Sport in die Welt hinaustragen.“ Wie in Baku Deutschlands Rekord-Fußballer Lothar Matthäus und – längst schon traditonell – der italienische Kult-Sänger Al Bano.
„Das Zusammenspiel zwischen Sport, Partnern, Sponsoren und Medien ist ein sehr wichtiger Aspekt“, sagt der IJF-Präsident in unserem Gespräch. „Wir haben Judo mediengerecht gemacht, telegen. Durch die Farben der Judogi in blau und weiß und ein klares Regelwerk ist Judo auf breiter Basis besser verständlich. Das ist auch wichtig, weil wir uns immer besser nach außen präsentieren wollen“, sagt Vizer. Da war natürlich der Vorfall rund um die Attacke auf den deutschen Nationalteam-Judoka Timo Cavelius, der bei einem Bundesliga-Kampf von einem (georgischen) Judoka mit drei Faustschlägen zu Boden gestreckt wurde, einen doppelten Kieferbruch erlitt, Zähne verlor und deshalb auch die WM verpasste, alles andere als positiv. Ist dieser Vorfall ein Thema für die IJF? „Ja, ist es. Wir warten noch den Bericht des Deutschen Judo-Bundes ab, dann wird sich die Disziplinar-Kommission mit diesem Fall befassen“, deutet Vizer scharfe Konsequenzen seitens der IJF an. Welche, lässt er allerdings noch offen.
„Gewalt hat im Sport nichts verloren, schon gar nicht im Judo. Wir sind ein Sport des Respekts, der Ethik, des Miteinander und nicht Gegeneinander. Uns sind Politik, ethnische Herkunft und Religionen egal. Und wir sind gegen jeden Krieg“, sagt der als Freund von Wladimir Putin bekannte Präsident. Dennoch war die IJF eine der ersten Institutionen, die nach Beginn des Ukraine-Krieges Putins Ehrenmitgliedschaft in der IJF aussetzte. Aber die IJF ist auch einer der ersten Verbände, der russische und weißrussische Sportler wieder für ihr Land antreten lässt. „Weil die Sportler, weil der Sport nichts für politische Entscheidungen kann.“
Dass Japan bei der WM in Baku im Einzel sieben von 14 möglichen Goldmedaillen holte und auch noch den Mixed-Bewerb gewann, ist für Vizer kein Problem. Ganz im Gegenteil. „Ich gratuliere den Japanern zu dieser großartigen WM. Wer hart an sich arbeitet, hat den Erfolg auch redlich verdient.“ Marius Vizer weiß das aus seinem eigenen Leben …
Das Gespräch mit dem IJF-Präsidenten führte LV-Pressereferent Josef „Joe“ Langer.
Foto: IJF-Präsident Marius Vizer empfing in Baku den LV-Pressereferenten Joe Langer, der einen kleinen Gruß vom „Sacher“ mitbrachte, zu einem fast eineinhalb Stunden dauernden Gespräch – @zVg
